2. Urlaubstag

Ella mochte ihre zweite Wurst nicht mehr essen, gestern Abend, beim Grillen, es war eine Cervelat, den die Mädchen bereits ungeschält verzehren, und ich sagte ihr, sie solle das Teil dort unten neben dem Zaunpfahl ins Gras legen, und es wäre dann sicher morgen nicht mehr da.
Warum?, fragten die Mädchen. Na ja, sagte ich, Katz-Hund-Fuchs-Marder-Wolf-Bär. Keine Kühe, keine Schafe und Ziegen. Sie sahen mich ein wenig ungläugig an, taten aber wie geheißen.

Als die Sonne hinter Frau Heebs prächtigen Busch gefallen war und der Himmel noch so sehnsüchtig nachglomm und in diesem Glimmen dunkle, flache Wolkenschlieren schwammen und das letzte Tageslicht, wie eine geschlagene Fußballmannschaft mit hängenden Köpfen, vom Platz schlich, fiel mein Blick auf ein Tier, dass hinter einem Holzstoß ins mittelhohe Gras trat.
Katze, sagte ich, schaut, da ist schon die Katze! Aber ich hatte die zweite Silbe noch nicht erreicht, als mir schon klar war, dass es keine Katze war, sondern dass wir Besuch von Reineke bekamen.

Ich hatte schon Füchse gesehen, scheue Tiere mit aufgestellten Lauschern, Löffeln, oder wie die Dinger heißen; nervöse, grenzparanoid witternde Tiere, unglaublich auf der Hut, wie das Wappentier meines Verlags, der Kojote, ja, so kannte ich Reineke, aber dieser Reineke verhielt sich zu jenen die ich kannte, wie Paris Hilton zur alternden Greta Garbo, er kam gleich mal heran und sah sich uns drei an. Keine 2 Meter entfernt.

Das ist für einen Vater, und gerade einen in meinem Alter, kein Schleck. Denn ich wuchs noch mit den Warnungen vor den Gefahren der Tollwut auf, und eines der Merkmale befallener Wildtieren ist, dass sie keine Scheu vor uns zeigen.

Ich klatschte in die Hände, aber es bedurfte schon mehr um Reineke zu ein, zwei Sidesteps zu bewegen, ich musste meine Körpermassen aus dem Sessel stemmen. Aber er kam wieder, lag doch noch ein kleines, im Gras verborgenes Stück Olmabratwurst zu meinen Füßen.

Ich erzählte den Mädchen was ich von Tollwut wusste und wie man sich da verhielt. Das hätte ich besser nicht getan. Die Ausführungen verschafften mir einen ganz schlechten Start in den zweiten Urlaubstag, da mein kleines Mädchen nächtens von Traum-Füchsen heimgesucht wurde und fuchtelnd und mit den Füßen kickend, Zuflucht bei mir suchte.

Aber Frau Berg, deren erklärter Fan ich bin, und der ich die Fuchssache mailte, wusste in Zürich besser Bescheid als ich in den Appenzeller Hügeln und schrieb, dass die Füchse bekanntermaßen nun bereits bis zur Haustüre schnürten.
Das war mir neu.
Wie seltsam. Wie immer, wenn das Bekannte und Vertraute plötzlich neuen Einsichten weichen muss. Als würden Adler auf meinem Fensterbrett landen und ich könnte sie mit eingebrockten Semmeln füttern, als würde Paris Hilton beim Anblick von Kameras zu kotzen anfangen, als würden ÖVP-Politiker klare Handlungen gegen Rechts setzen, Wort halten, und ihrer Stände-Ideologie abschwören.
Nee, das dann doch nicht. Dann schon eher Adler auf der Fensterbank und Pythons die Rilke Gedichte rezitieren.

Heute waren wir urlaubsmäßig wandern. Zuerst auf die Rütegg, wo’s für die Mädchen Nussgipfel gab und für mich einen Schwatz mit Werner Bucher, dann runter über Riethof nach Heiden.
Verdammt, ich sage es gern: Was für tolle Mädels!

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