Mahnmale

Gute Nachrichten für österreichische Alt-Nazis, schmissfressige Rosstäuscher, Neo-Nazis und andere Hitlerverehrer. Es ist vorbei mit dem verschämten Versteckspiel. Holt eure Hitler-Poster, Hitlerporträts in Essig und Öl, ruhig aus der Truhe und hängt sie wieder ins Vereinslokal, die gute Stube oder über eure Waffensammlung. Wiederbetätigung? Aber nicht doch.

«Das Bildnis des Führers wird von euch jetzt als Mahnmal gesehen.»

Denn so sieht es auch der ÖVP-Klubchef Lopatka. Er will das Porträt des Austrofaschisten Dollfuß im ÖVP-Klub nicht abhängen. Dollfuß ließ 1934 nicht nur die Arbeiter im Karl-Marx-Hof zusammenkartätschen, sondern regte auch an, die Arbeiter der Simmeringer E-Werke «überfallartig zu vergasen».

Aber der Lopatka will das Porträt «jetzt als Mahnmal sehen».

Das ist gut so. Gemahnt kann nie genug werden.

Es ist wie damals mit meinem Jimi Hendrix Poster: Das volle Mahnmal. Oder wie das Porträt des Bundespräsidenten in allen Schulen: Voll gemahnt. Das Kreuz im Hergottswinkel: Die allerletzte Mahnung.

Die kuscheligste Stadt für Rechtsextreme?

Man fragt sich, nach dem «Akademikerball» letztes Wochenende, warum Wien sich so irre anstrengt, die Kuschelstadt für die internationale Rechtsextremenszene vulgo «Die neuen Juden» (H.C. Strache, FPÖ-Chef) zu werden?
Warum reißt sie sich so mördermäßig den ÖVP-versohlten Sozen-Arsch auf?
Ist doch weit und breit keine Konkurrenz in Sicht, oder? Zumindest westlich von Budapest.
Keine andere Stadt hat für rechte Hetzer, Antisemitchen und autoritätsgeile Rassisten mehr zu bieten. Welche Hauptstadt kann schon einen Ball veranstalten, bei dem man auf dem «Führerbalkon» ein Zigarettchen paffen kann? Und welche Stadt hat einen Polizeichef, der für einen imaginären staatlichen Notstand knapp ein halbes Dutzend Grund- und Menschenrechte für etliche Stunden außer Kraft setzt? Muss man doch suchen, oder?

Es soll in dieser Stadt welche geben, die es als Schande empfinden, dass den schmissfressigen Rosstäuschern aus fern und nah, dieses historische Gebäude -der Sitz des amtierenden Bundespräsidenten notabene – für ihren Ringelreihen überlässt. Diese armen Verhuschten sind der Meinung, dass dies nicht sein müsste, und dass die Politik es verhindern könnte.
Nun ja. Könnte sie vielleicht schon. Aber die Sozen können nicht, denn sonst zickt die ÖVP rum, die F-ler wollen nicht und die anderen haben nichts zu melden.

Einige gutmeinende Kommenatoren vertraten die Ansicht, dass die «Randale» des schwarzen Blocks ( 3Minuten Knatsch am Stefansplatz) nicht angebracht und «richtig mies» war, da sich die Rechte wieder als Opfer aufpudeln kann. Na ja. Ich frage mich, warum den werten Kollegen noch nie aufgefallen ist, dass die Opferrolle quasi der Parteiausweis der Rechten ist?

Und das größte Opfer ist doch immer noch der Täter, der für seine Tat zur Rechenschaft gezogen wird. Das müsste in Österreich doch langsam jeder wissen …

Offener Brief von Juri Andruchowitsch

Der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowitsch hat einen offenen Brief an die Europäer geschrieben, in dem er die Lage in seiner Heimat schildert und darum gebeten, diesen Brief (der u.a. in der österreichischen Tageszeitung «derstandard» publiziert wurde) weiter zu verbreiten.

Das tun wir hiermit und fordern die Leser auf, den Link zu kopieren und den Brief zu lesen:

http://derstandard.at/1389858157393/Wir-verteidigen-eure-Werte-mit-unserem-Blut

Übers Türe schließen

«Am Abend klopfte Henk an meine Tür und kam herein. Er trug etwas unter seinem rechten Arm. Erst hielt ich es für einen Liegestuhl, aber dann, als er das Ding bei der Badewanne aufgeklappt hatte, sah ich, dass es ein dreiteiliger Paravent war. Sah sehr japanisch aus. Ikea-japanisch. Reispapier zwischen dunkel gebeizte Holzrahmen gespannt. Nur war es bestimmt kein Reispapier, sondern blindes PVC, abwaschbar, pflegeleicht, Müll. Danach nahm sich Henk wortlos einen Stuhl und setzte sich an den Tisch. Da er die Tür nicht hinter sich zugezogen hatte, blickte ich in Erwartung dass Lucinda ihm folgen würde, in diese Richtung, aber es folgte ihm niemand nach.

„Haste auch‘n Ei für mich“, sagte er und blickte mir nach, wie ich die 15 Meter Weg unter die Füße nahm um die Tür zu schließen. Solche Aktionen hasste ich. Hinter jemandem die Tür schließen. Die offene Tür ist niemals Verheißung, sondern immer nur eine Story ohne Pointe. Man kann es in amerikanischen Filmen sehen: in den Szenen werden die Türen nach dem Betreten des Raums nicht geschlossen. Ich habe Verständnis dafür, denn das Schließen einer Tür ist ein äußerst defensiver Akt, eine Verzögerung des Handlungsflusses, und verdammt noch mal, welcher Hero kann es sich leisten eine Tür zu schließen, ohne seinen Glamour einzubüßen? Da fielen mir nicht viele ein. Bogart hätte es gekonnt. Denn alles was er tat, wirkte gefährlich, selbst das Schließen einer Tür. Vielleicht Daniel Day-Lewis. Aber Türschließen war nun mal hauptsächlich der Job der Hausfrau. Oder der von Warmduschern. Und Losern, wie mir. Wobei ich aber nur so tat, um eine falsche Fährte zu legen.»

Aus «Country Dämon»

Dichtestress

Österreich ist schön. Sagt man. Die Schweiz ist schön. Sagt man ebenfalls.
Österreich ist lang und keulenförmig. Die Schweiz sieht aus wie ein Rechteck, an dem hungrige Murmeltiere genagt haben. Oder die Ziegen vom Geißenpeter.
Wenn man mit dem Zug von Wien nach Zürich fährt, hört die Schönheit nach Wien-Hütteldorf auf. Und sie fängt nicht wieder an. Nicht mal in Buchs. Nur wenn man am Walensee entlang gurkt und hinüber nach Amden blickt, ein Ort, der immer noch am besten mit dem Schiff zu erreichen ist, zieht eine gewisse Ruhe ins Gemüt.
Sonst habe ich eher Dichtestress. Im Zug. Im vollen Zug.
«Dichtestress», ist das Wort der Stunde. In der Schweiz.
«Dichtestress» ist, wenn einem die vielen, an allen Orten und Ecken angehäuften Mitmenschen auf die Nüsse gehen. Ein Begriff – wie man hört – aus der Verhaltensbiologie. In Wien wird man den Begriff nicht verstehen. Zumindest nicht in diesem Zusammenhang, denn hier fällt einem der Mitmensch, insofern es sich nicht um einen Hund handelt, auch so, ohne «Dichte», auf die Nerven.

Ich bin äußerst anfällig für Dichtestress. War ich schon immer. Ich bin wie Georges Brassens der Meinung: «Ab 4 Leuten wirds ein Deppenhaufen.»
Und darum lebe ich in einer Millionenstadt. Hier ist es ruhig. Ruhiger als zum Beispiel in den Schweizer Bergen, wo man permanent Autobahnen, und meistens noch den Helikopter hört.
In einer großen Stadt weiß man, dass viele Leute viel Krach machen, und darum hat man die Häuser in Blöcken um Hinterhöfe herum gebaut.

Die Schlangen in den Supermärkten Wiens sind lang. In einem Schweizer Migros würden sie beim selben Andrang 7 Kassen neu besetzen. Hingegen ist in Wien an Vormittagen die «Oldie»-Dichte, mit ihren Quatrierversammlungen vor dem Brotregal, etwas geringer. Aber Dichte schon. Auch hier.

Ja. Die Schweiz ist voll geworden. Jährlich sollen, so liest man, bis zu hundertausend Personen einwandern.
In den 60-er, 70-er und 80-er Jahren war die «geistige Enge» Helvetiens unter Intellktuellen, Künstlern und Autoren ein Thema. Nun ist es die physische. Der Geist hat in die Globalisierung gefunden. Zu 73 %. Oder so.
Und es ist ja wahr. Kein Bergpass mehr, auf dem nicht Horden von bonbonfarbenen E-Bikern die Bergetappe mit Champagner beprosten, kein Zug (von 6-10 Uhr), der nicht überfüllt und verlärmt ist, keine Badi wo noch ein Tschüppel Gras zu sehen wär, kein verdammtes Brunchbuffet auf einem Bergkulm das nicht von Wapplern, wie von Fliegen über der Scheiße, umschwärmt wäre. Ist ja alles wahr.
Schlechte Zeiten für Dichtestressiker. Und sie werden nicht besser. Wie der Klimawandel unaufhaltsam voranschreitet, so wirds unaufhaltsam eng im schönen Land-Käfig. Die Schweiz ist nur noch was für Oligarchen und schmierharte Typen wie Josef Ackermann. Das passt nicht allen. Und dass man es jenen, die neu hinzukommen wollen, anhängen will, versteht sich für die Rechten von selber. Sieht ja auch logisch aus. Wenn die Neuen aus der EU nicht mehr kommen, dann ist es auch nicht so voll. Nur stimmt das nicht.
Zumindest hab ich da meine Zweifel.
Es kann auf einem Fußballfeld auch für 4 Leute eng werden, wenn man 22 Villen darauf baut.

Aus gegebenem Anlass

Am 17. Oktober 2009, zur Frankfurter Buchmesse, erschien in der Berliner Zeitung «Junge Welt» die Story «Whipping Post oder warum es keine schwulen Fußballer gibt».
Die Redaktion unseres Blöckchens beschloß aus gegebenem Anlass (Hitzlspergers Coming out) diesen Text unseres beinahe ältesten Redaktionsmitglieds Niedermann, nochmals zu veröffentlichen. «So schlecht ist der gar nicht», meinte unsere Praktikantin, die hier für’n Apfel und Ei den Türsteher macht, und dem schlossen wir uns an. Here it comes:

Whipping Post oder warum es keine schwulen Fußballer gibt

„Wenn du in Wien, dieser strahlenden Perle der Unfreundlichkeit, mal ein bisschen Respekt und so was wie ziviles Verhalten erleben möchtest“, sagte Henk, „wo gehst du da hin?“
„Warum fragst du nicht gleich nach der genauen Anzahl Sandkörner am Strand von Caorle?“, sagte ich. Ich hatte schlechte Laune. Wir saßen seit zwei Stunden in einem engen Transporter und starrten durch die samtene Dunkelheit einer Landnacht auf ein Licht, das durch die Äste einer Birke drang. Henk hatte mich zu dieser Aktion überredet. Sämtliche Alarmglocken hatte ich vernommen: Lass ja die Finger davon!, aber sie waren nicht laut genug gewesen, denn nun saß ich da, glotzte auf den Schattenriss eines Einfamilienhaus und grollte. Es gehörte zu den Rätseln der Menschheitsgeschichte, wie Henk es schaffte, mich immer wieder auf’s Neue rumzukriegen. Es war eine Art Spiel. Und ich verlor jedes Mal, aber rächte mich damit, dass ich darüber schrieb. Henk fand das irgendwie nett und okay.
„Na, sag schon. Wohin gehst du da?“
Ich gab keine Antwort.
„Was tun wir hier, Henk?“
„Hab ich dir doch gesagt: Wir sorgen für mehr Gerechtigkeit auf diesem herzzerreißenden Planeten.» Er hob die Hand. «Hey, halt mal die Klappe. Da tut sich was.“
Ich hielt die Klappe.
Die wuchtige Gestalt eines Mannes erschien im Licht der Eingangstür. Der Kerl blieb stehen, sah nach links, sah nach rechts, zog die Rockerkutte über dem vorgewölbten Bauch zusammen und verschwand in der Dunkelheit. Nach einer Weile sahen wir, wie in der Garage ein schmales Rechteck aus Licht entstand und schnell größer wurde. Der Mann schob ein Motorrad in dieses Rechteck aus Licht, trat den Ständer runter. Es sah aus wie eine Harley Davidson Elektra Glide. Das Licht erlosch wieder und der Mann ging zurück ins Haus.
„Genial. Er hat nicht mal das Garagentor geschlossen“, sagte Henk grimmig und rieb sich die Hände. „Jetzt kann’s nicht mehr lange dauern.“
Eine Ahnung beschlich mich. Sie gefiel mir nicht.
„Hast du’s gesehen? Der hat geschwankt. Nur so ein wenig. Aber der ist voll. Super!“
„Ich hab nichts gesehen.“
„Du bist eben ein Ohrenmensch. Du siehst doch nie was. Besorg dir mal ne Brille.“
„Was ist mit dem Motorrad?“
„Erfährst du früh genug. Ein klein wenig Geduld. Wo bin ich stehen geblieben? Ah ja, wo gehst du in Wien hin wenn du mal ein bisschen Respekt und Freundlichkeit erfahren willst?“

„In ein Spiegelkabinett“, sagte ich.

„Jetzt mal im Ernst“, sagte er, „Wo gehst du da hin?“

„Sag du es mir.“

„Man geht zum Boxen!“

„Man geht zum Boxen?“

„Genau. Eine unglaubliche Atmo. Respektvoll,  freundlich. Alles Kenner und kaum brüllende Chauvinisten. Und jetzt die zweite Frage: Wo geht man hin, wenn man Lust auf Pöbeleien, Lärm, und Besoffene hat?“

„In den Supermarkt bei mir um die Ecke“, sagte ich.

„Du bist ungemein witzig, hat dir das eigentlich schon mal jemand gesagt?“

„Außer dir? Meine 4-jährige Nichte.“

„Man geht zum Fußball“, sagte Henk grimmig.

Im einzigen beleuchteten Fenster des Hauses erschien nun wieder die Gestalt des Mannes, und irgendwie hatte ich das Gefühl, als würde Musik laufen. Ich drückte auf den Knopf für das Seitenfenster. Es fuhr 2 Centimeter nach unten. Ich hielt mein Ohr an den Spalt und lauschte. 

„Whipping Post. Allman Brothers Band. Live at Fillmore East. 1971. Dauer 23:03. Eines der besten Rock Alben überhaupt. Ein Klassiker“, sagte ich.

„Herrgottsack, ich dachte, du magst keinen Rock?“

„Wir sind etwa in der Mitte. Also noch 10 Minuten, oder so.“

„10 Minuten? Und danach?“

„Letztes Stück. Aus.“

„Der Meister gibt sich sein letztes Fläschchen, dann geht’s ab in die Heia“, sagte Henk.

„Wie kommst denn da drauf? Der sieht nicht danach aus, als würde um 5 Uhr 30 von der Matte hüpfen.“

„Wetten, der macht dicht nach der Nummer?“, sagte Henk. 

Wir sahen auf unsere Uhren. Es war kurz vor Mitternacht. Für einen ordentlichen Biker ein paar Minuten nach dem Frühstück. Andererseits waren die Biker auch nicht mehr, was sie mal waren. Nicht mehr „Born to be wild“, sondern eher „Anna, den Kredit hamma“. Aber was wusste ich denn schon? Ich schaffte es ja nicht einmal herauszufinden, warum ich mitten in der Nacht in einem Transporter hockte und darauf wartete, dass einem Rocker die Lichter ausgingen.

Die Wette war zu riskant. Wir schwiegen. Greg Allmann tippte sein Solo ins Keyboard.

„Findest du es nicht eigenartig, dass es keine homosexuellen Fußballer gibt?“, sagte Henk unvermittelt und faltete ein kleines Fernglas auseinander.

„Was?“

„Schwule Kicker. Warum’s keine gibt?“

„Dir ist wohl gar nichts mehr heilig“, sagte ich.

„Wie hoch ist der Anteil der homosexuellen Bevölkerung im Durchschnitt?“

„Keine Ahnung? Kommt drauf an wo. Zwischen 1 und 10%, würd ich sagen.“

„Siehst du“, sagte Henk und drückte sich das Minifernglas auf die Augen. „Da kann doch was nicht stimmen.“

Mein Ohr am Fensterspalt wurde angenehm kühl und Whipping Post kam gerade in die entscheidende Phase. Duane Allman’s Gitarre entließ Töne in die Nacht wie Schwärme von liebeskranken Glühwürmchen. Jener Duane Allman, der bald darauf bei einem Motorradunfall sterben würde. Es berührte mich jedes Mal, dass man ihn noch hören konnte. Seine Gitarre drang wie aus dem Jenseits zu uns. So verdammt endgültig. Und ein Jahr später dann, 1973, fast an derselben Stelle wie Duane, erwischte es den Bassisten der Band, Berry Oakley. So was übersteht keine Band. Die Götter hatten echt was zu lachen mit „The Allman brothers band.“

„Du siehst doch ein, dass da was nicht stimmen kann“, fuhr Henk fort. „Geht man vom Bevölkerungsdurchschnitt aus, müsste doch einer in jeder Mannschaft schwul sein. Aber hast du je von einem schwulen Fußballer gehört?“

Hatte ich nicht. Aber ich hörte auch von heterosexuellen Fußballern nicht wirklich viel.

„Die halten das unter Verputz. Das gibt’s nicht, dass von denen keiner andersrum ist.“

„Jetzt, wo du’s sagst. Aber was ist mit deinen Boxern?“

„Boxer sind Individualisten, da spielt doch die sexuelle Ausrichtung keine Rolle. Denk an Panama-Al-Brown. War sogar Weltmeister im Bantamgewicht. Schwul und schwarz und vielleicht noch Jude. Ein Sammy Davis Jr. des Faustkampfs. Aber Fußball ist was für den Pöbel und der mag nun mal keine Schwulen.“

Henk nahm das Glas, mit dem er in der Finsternis sowieso nichts sehen konnte runter, faltete es sorgfältig zusammen und ließ es in seine Hemdtasche gleiten.

„Fußball ist doch nur noch was für Indolente und Alkoholabhängige. Für Chauvinisten und einsame, bröselige Intellektuelle, im Schnittpunkt einer Versöhnung von müde gewordenen Köpfen und dem schwammig gesoffenen Fleisch. Fußball ist allumfassend. Wer heute kein Fußball schaut ist ein Wirtschaftskrimineller, und selbst die letzten Abstinenten haben klein beigegeben. Die Frauen. 22 knackige Ärsche sind ein unschlagbares Argument, angesicht des breiten Weichteils des Allerliebsten auf dem Sofa. Auch ein schwuler Arsch würde da nicht stören. Ich fühle mich den Hooligans am Nächsten, denen geht es nicht ums Spiel sondern um konkrete Gewalt, Macht und Vorherrschaft, um Fäuste und Zähne, Tritte und Aufruhr, es sind die Rimbauds der Postmoderne, und vermutlich ist denen auch egal, wenn die Spieler alle schwul wären ….“

Ich hatte keine Ahnung, wo Henk all das Zeug her hatte. Wenn er mal loslegte, war er schwer zu stoppen. Sein Sermon überrumpelte mich. Verdammt, schließlich war ich hier der Autor und er war … ja, was war er eigentlich? Oder anders gefragt: Was war er heute? Heute Nacht? Was waren wir?

Im Haus tat sich was. Die Allman Brüder kamen zum Ende, die Musik verklang und der Rocker tauchte wieder am Fenster auf. Er tat irgend etwas. Ich vernahm Wasserrauschen.

„Letzte Gelegenheit für eine Wette“, sagte Henk und zeigte mir dabei seine Zähne, die unnatürlich hell schimmerten.

Ich schüttelte den Kopf.

„Putzt der sich jetzt die Zähne?“, sagte ich.

„Ja“, sagte Henk ernst, „Man möchte es nicht glauben.“

„Vielleicht liest er vor dem Schlafen gehen noch ein wenig in der Bibel“, sagte ich.

Das Wasserrauschen hörte auf, der Mann drehte uns den Rücken zu, das Licht ging aus. Das war das Zeichen für Henk. Er stieg schnell aus und verschwand in der Dunkelheit. Ich hörte, wie er hinten die Türen des Transporters öffnete. Dann tauchte  er auf meiner Seite wieder auf.

„Come on!“, zischte er durch den Fensterspalt.

Gehorsam stieg ich aus und folgte ihm zum Heck des Transporters. Der Mond prangte am Himmel, orange und voll, wie ein leuchtender Fußball, den ein wütender Spieler in eine frisch geteerte Strasse getreten hatte.

„Okay, es geht los“, sagte Henk.

„Verdammt, was geht los“, sagte ich.

„Hast du’s immer noch nicht kapiert?“

Henk riss an einer Alu-Rampe, die im leeren Transporter lag.

„Fass mal mit an“, sagte er.

Wir brachten die Rampe in Stellung. Sie war kurz und steil.

„Komm!“, befahl er.

Mit hochgezogenen Schultern, wie zwei Typen die zu einem Helikopter eilen, bewegten wir uns auf das Haus zu. Es lag jetzt vollständig im Dunkeln, nur der Lichtschalter neben der Haustüre glühte rot und bonbonsüß.

Henk verschwand in der offenen Garage. Ich blieb stehen und blickte mich um. Das nächste Haus, ein Schattenriss in der Nacht, lag ein Steinwurf entfernt. Es sah aus wie der Zwillingsbruder der Rockerhütte. Whipping Post und Harley Davidsons in Reihenhäuschen. So etwas macht leichtsinnig.

„Henk, du willst das Teil doch nicht etwa klauen“, sagte ich in normaler Lautstärke. Sie hätte am Weihnachtsabend ein Murmeltier aus dem Bau geholt.

„Bist du wahnsinnig“, zischte Henk. „Halt die Schnauze. Der Typ ist gefährlich.“

Er griff nach dem Lenker der Harley und kickte den Ständer um.

Ich blieb demonstrativ untätig und stopfte meine Hände in die Taschen.

„Verdammt, nein. Wir klauen das Ding nicht. Nicht wirklich. Na ja, wir klauen es zurück. Sozusagen. Der Kerl ist mit den Raten in Verzug. Das Bike geht zurück zum Eigentümer. Tu was. Hilf mir.“

Wir schoben die Harley zum Transporter. Meine Hände lagen auf den Sattel. Er fühlte sich an wie ein toter Nilpferdarsch auf Rollen. Dann ging im Haus das Licht an.

„Scheiße!“, sagte Henk. Und während ich an dem toten Lederarsch anschob, warf ich einen Blick zurück. Ich sah den Schattenriss des allerersten Menschen der Neuzeit in Unterhosen vor seiner Behausung stehen. Der Schatten einer Keule fiel auf die Hauswand.  Ich schob schneller. Es lief richtig gut.

Wir bekamen das Motorrad in einem Anlauf in den Transporter. Es rumpelte und schepperte und jagte Adrenalin in meine Adern.
Henk warf die Rampe in den Transporter als wäre sie aus Sperrholz.

Keine Zeit die Tür zu schließen. Wir liefen zum Fahrerhaus. Der Rocker war nicht zu sehen, aber ich fühlte seine Anwesenheit im Dunkeln. Ich riss die Tür auf, Henk startete den Motor. Ein Schatten kam heran. Ich zog den Kopf ein. Dann schlug eine Granate in den Transporter ein. Genau da, wo ich noch vor einer Sekunde gestanden hatte. Ich sah, wie er zum zweiten Mal ausholte.

Henk trat das Gaspedal durch, jagte den Transporter die Straße hinunter, die offenen Türen knallten und schepperten und die Scharniere knirschten. Wir hörten die Harley herumrutschen, schwer und eisern. Ich sah, wie Henk angewidert das Gesicht verzog. Das ganze Chrom, die Pedale, die Sturzbügel! Aber er bretterte mit zusammen gekniffenen Lippen über die Zufahrtsstraße und trat erst auf die Bremse, als wir die Autobahnauffahrt erreichten.

Wir stiegen aus und zurrten die Harley mit Gurten an der Wand fest. Es war nicht zu erkennen, wie viel sie  abbekommen hatte. Neben der Beifahrertür war eine frische, tiefe Delle.

„Du Arschloch“, sagte ich. „Der hätte mich fast erwischt.“

„Mach dir doch nicht im Nachhinein ins Hemdchen. Du kriegst deinen Anteil.“

„Ja, Scheiß mit Reis!“, sagte ich.

„Warum bist du immer so negativ? Das  Leben kann doch so schön sein. Schau den Mond, die Sterne. Ist doch echt super alles.“

Wir stiegen wieder ein. Henk lächelte wie ein Maikäfer nach dem Koitus.

Es war tatsächlich eine schöne Nacht. Wir fuhren von der Hügelkuppe hinunter in die endlose Ebene mit dem Geflecht aus flickernden Lichtern. Allein, wie ein versprengtes Tier, das seiner Herde folgt. Alles war gut.

„Ich denke, wenn Biker sich die Zähne putzen“, sagte Henk mit seinem Maikäfergrinsen, „wird es auch schwule Fußballer geben. Glaubst du nicht auch?“, sagte Henk.

Der Fahrtwind streichelte meine Wange. Er duftete nach Kiefern.

„Ich wünschte, Duane Allmann hätte uns sehen können.“

„Konnte er doch“, sagte Henk. „Konnte er doch.“

Es freut uns

immer wieder, wenn wir feststellen dürfen, dass unser kleines Blöckchen auch von den Kollegen aus der Tagespresse gelesen wird, und die dann eben dort, thematisch nachlegen und die Sache vertiefen.
Aber wir waren Erster. Das möchten wir doch festhalten.

Diesmal betrifft es das «Sprüchemuseum (34)».

http://derstandard.at/1388650432517/Der-Herr-Peter

Das Sprüchemuseum (34)

«Wir Athleten sollen uns bei Großereignissen auf unseren Sport konzentrieren. Aber ich muss schon sagen, dass mich die Debatte um die Menschenrechte in Russland berührt, und ich kann mir nicht vorstellen, dass die anderen Sportler das einfach ausblenden können …»

Der deutsche Skisportler Felix Neureuther.


«Ich würde keinem Sportler raten, sich politisch zu äußern.»

Aussage von Peter Schröcksnadel, einem der 5 wichtigsten Kaiser Österreichs, zuständig für Schneepatriotismus, allgemeinen Opportunismus und Ahnungslosigkeit in Sachen Doping. Präsident des ÖSV.
Wir sagen: Neben Bode Miller, der auch etwas zu Sotschi zu vermelden hatte, ist Neureuther unser Hero.