This old world

Heute zeigte ich meiner jüngeren Tochter das Dorf, den Ort, wo einer ihrer Ur-urgroßväter gelebt und vor 100 Jahren gestorben ist. Der Schuster, Dichter und autodidaktische Anwalt Joseph-Anton Signer. Es ist wahrscheinlich, dass er noch dieselben Häuser gesehen hat, die auch seine Ur-urenkelin sieht, wenn er vor seine Werkstatt trat. Die Berge ringsum sowieso. Nur die große, in den wolkigen Himmel ragende Antenne auf dem „Hohen Kasten“, wird er noch nicht erblickt haben, und das im Süden an den Hang geschmiegte Städtchen Appenzell, wird, bis auf seinen Kern, etwas anders ausgesehen haben.

Das ist selten, denke ich. In einem dynamisch sich verändernden Land wie der Schweiz.
Ich, der ich viel unterwegs war, der zu keinem einzigen seiner Klassenkameraden noch Kontakt hat, ich möchte, dass sich in meiner Vergangenheit nichts verändert, dass alles so bleibt, wie es einmal war, dass die Menschen meiner Kindheit sich nie verändern, nicht alt werden, dass sie den Charakteren meiner Vorstellung haargenau entsprechen.

Schwer zu sagen, warum ich diesen unerfüllbaren und törichten Wunsch habe. Aber den scheinen auch die Bewahrer von Traditionen zu haben. Es soll sich nichts ändern. Sie wollen noch die gleichen Kleider tragen, wie ihre Ur-Großeltern, die gleichen Werkzeuge benutzen, sie lehnen die Moderne ab, und empfinden eine große Sehnsucht nach der vergangenen Zeit.

So einer ist auch der polnische Autor Andrzej Stasiuk, von dem mir heute wieder sein dünnes Buch „Dojzland“ in die Finger fiel, und der sagte, dass er nicht leben mag, wenn die Welt seiner Kindheit restlos getilgt ist, und der sich auf seinen Reisen immer tiefer in den Südosten Europas hineingewühlt hat, um dort, in den verlassenen Gegenden Rumäniens, noch eine Welt ohne Abfall zu finden.

Da er, meines Wissens, noch am Leben ist, muss es sie noch geben diese Welt. So wie für mich und meine Tochter, wenn wir von Meistersrüte Richtung Appenzell blicken.

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