Saubere Arbeit

Ich bin ein obszön gut bezahlter, berühmter Kolumnist, der eine Kolumne zu verfassen hat, und dem partout nichts einfallen will. So sitzt er da, der Kolumnist, starrt mit leerem Blick in seinen schon viel zu oft beschriebenen Hinterhof, und denkt zurück an seinen letzten Arztbesuch. Ach nein, der gibt auch nichts her. Der alte, nazioide Trachtenkadaver, der ihm an der Supermarktkassa so auf die Pelle gerückt war, so dicht, dass Mord in der Luft lag? Ach nein, hamma alles schon. Ja, aber Weihnachten steht doch vor der Tür? Toll! Lassen wir sie dort stehen. Die Weihnachtskolumne ist schon vorbereitet. Drei Klicks und das Ding geht online.

Da hätten wir noch die abgehörten Telefonate zwischen dem österreichischen Ex-Finanzminister und einem Freunderl-Lobbyisten. Ganovengespräche. Wie lügt man am Besten bei Befragungen. Aber der Finanzminister ist ein Schmalzkringel, und 30 % der Ösis würden ihn wieder haben wollen. Und Lobbyist? Ist ein Traumberuf. Eigentlich ist es ein Skandal. Aber was heißt das schon? Ein Skandal wäre hier, wenn jemand die Hundekacke, in der er gerade getreten ist, an dem Defäkierer abstreifen würde. Das wär ein Skandal. Doch nicht, dass der Finanzminister ein Ganove ist, der die Staatskasse für seine Freunde geöffnet hielt. So was ist nur normal. Würde jeder so machen. Mal ehrlich …

Der Kolumnist, dem nichts einfällt, denkt sich: Eigentlich hat die Bevölkerung alles verdient, was ihr geschieht. Sie hätte die Möglichkeit es zu ändern, aber sie tut es nicht.

Bist wieder mies drauf, wa? Zu wenig Anerkennung? Zu wenig Wein? Oder zu viel Wein?

Vielleicht, denkt sich der berühmte Kolumnist, sollte ich wieder mal „The Allman Brothers Band“ auflegen? „Live at Fillmore East“. Ein Klassiker. Manchmal brauchen alte Kerle Rockmusik. Sie hilft gegen allerlei Beschwerden. Seine siebenjährige Tochter kennt Lady Gaga und Katy Perry. Und dann denkt der Kolumnist darüber nach, was seine Enkel mal hören werden, wenn sie nicht im Strumpf sind, und Lady Gaga bereits in einem Altenheim für Prominente in Nordschottland auf das stumpfe Grün der Highlands starrt, während sie der Dinge harrt, die da kommen werden …

Dann holte er den Nagelknipser heraus und schnitt sich die Fingernägel. Saubere Arbeit. Kann sich sehen lassen.

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