Glossen der Betulichkeit

Ich bin alt. Das merkt man am ehesten daran, dass ich immer öfter sage: Damals. Und, früher. Aber vor allem: Früher war’s besser. Das stimmt natürlich nicht ganz. Aber in vielen Dingen schon. Zum Beispiel Lesungen von Autoren und Dichtern.
Ich war in den 80-ern dabei, als Kiev Stingl in Zürich auf der Bühne mit Gitarrenkoffern beworfen wurde. Warum? Weil er im Vorfeld der Lesung den Wunsch geäußert hatte, eine Zürcher-Dame möge ihm doch auf der Bühne das Horn blasen. So was kommt bei Puritanern nicht so gut. Die Zürcher-Herren fühlten sich als Beschützer der Damen und der Sitten angesprochen und attackierten den Dichter während des Vortrags. Bis dann der Autor und Verleger Matthyas Jenny, der zuvor schweigsam und sonnenbebrillt sich einer Flasche Ballantines gewidmet hatte, zu Stingl auf die Bühne kletterte. Er schnappte sich eines der „Stingl go home“-Schilder und verteidigte damit das freie Wort.
Ich will damit sagen: Man wusste im Vorhinein nie genau, was passieren würde.

Gestern Nacht besuchte ich mit einem Freund die „Rote Bar“ des Wiener Volkstheaters.
„Ein Eidgenosse in Kakanien“, lautete der vielversprechende Titel einer Lesung mit Charles Ritterband, dem NZZ-Korrespondenten für Österreich. „Ein Eidgenosse in Kakanien“? Das klang nach Konflikt. Das interessierte mich. Bin ich doch selber, nach mehr als zwanzig Jahren in Wien, auch ein „Eidgenosse in Kakanien“.

Das erste was geschah, war, dass Ritterband einen Königspudel auf die Bühne stellte. Das versprach einiges. Hatte der Autor vor, in die Vollen zu gehen? Hatte er ätzende Schmähungen der verlotterten Wienerseele in Petto? Beschimpfungen, die das Publikum erzürnen könnten? Und er, als Kenner der Wiener Seele, wusste ganz genau, dass ein Eingeborener niemals mit einem Glas nach einem Schweizer werfen würde, falls dabei die Möglichkeit bestand, dass ein Hundsviecherl etwas abbekommen könnte. Oder war es doch eine Unterwerfungsgeste? Seht her, ich besitze einen Hund. Ich kann also kein ganz schlechter Mensch sein. Ich bin doch einer von euch. Tut mir nichts.

Nach zwei Minuten wusste der geneigte Zuhörer wie das Hundetier auf der Bühne zu interpretieren war. Ritterband machte einen guten Job. Politiker-Schnurren. Harmloses, gekonnt vorgetragen. Gekonnt (wenn es das gibt) geschrieben. Auch ein bisschen Sprach-Patina lag auf den Preziosen, ganz so, wie es sich für anständige Herren gehört, die über Wien glossieren (und ihr Buch verkaufen wollen).
Die berühmt-berüchtigte Hass-Liebe von Bernhard und Konsorten, durfte natürlich nicht fehlen, und wurde als Mozartkugel auf’s Nachtkastl gerollt. Eins war klar: hier war kein „Eidgenosse in Kakanien“, sondern hier saß ein Semi-Wiener mit Königspudel, der sein Buch verkaufen wollte. Glossen der Betulichkeit. Und recht hat er, mag man sich resigniert denken. Am Ende der Saison ist immer Ausverkauf.
Ich werde mir für meine nächste Lesung auch ein Accessoire zulegen. Vielleicht meinen Navy-Colt oder eine Blindschleiche.

Ich bin alt.
Früher war’s besser.
Damals.
Lass uns einen saufen gehn.
Das funktioniert noch immer.
Da war’s früher nicht besser.
Das bleibt sich immer gleich.
Wenigstens etwas.

P.S. Auf dem Lesetischchen, neben dem Glas Bier, war auch noch ein Tropenhelm.

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