„Ehrliche Prosa“

Auf „ehrliche Prosa“ stieß ich in den letzten Tagen gleich dreimal, und jedes Mal blieb ich an der Formulierung hängen. „Ehrliche Prosa“, was ist das?

Prosa heißt „gerade heraus“. Eine Schreibweise, die sich ohne Umschweife dem Wesentlichen annimmt. Es gibt den Begriff „schnörkellose Prosa“, was eigentlich eine Tautologie ist. Ebenso „klare Prosa“.

Gibt es, wenn es „ehrliche Prosa“ gibt, „unehrliche oder verlogene Prosa“? Oder steht das Adjektiv „ehrlich“ nicht viel mehr als Attribut für den Autor? Ein „ehrlicher“ Autor schreibt „ehrliche Prosa“?

Ein aufbrausender Maurer zieht eine „cholerische Mauer“ hoch? Der schüchterne Zimmermann baut einen „scheuen Dachstuhl“ und der schläfrige Kassier stellt eine „müde Rechnung“ aus?

Es gibt den „Zwang zur Prosa“, wie Jörg Fauser einmal schrieb, den Zwang zum Ausdruck. Aber den haben Vögel auch.

Und wie Hemingway sagte: „Die Gesetze der Prosa sind unveränderlich.“

Es gibt den ehrlichen Prosaisten, den ehrlichen Autor. Aber was bedeutet Ehrlichkeit für einen Schreiber? Meint man nicht eher Aufrichtigkeit?
Wenn er die Wahrheit zu schreiben versucht, ist er dann ehrlich? Ich würde einfach sagen: Er versucht ein Autor zu sein.

Gibt es also „ehrliche Prosa“?
Ehrlich gesagt, ich glaube nicht.

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