Versehrte und Krüppel

Mit einem Mal war sie vor mir. Heute morgen. Auf meinem Weg zum Geisteszentrum. Ecke Starhembergergasse/Rainergasse. Ihr rechtes Bein war ein gutes Stück verkürzt, so dass sie, um im Gleichgewicht zu bleiben, mit dem rechten Fußballen auftreten musste. Es machte daher den Anschein, dass sie das Bein nachzog. Irgendwie. Es entstand dabei ein schleifendes Geräusch. Ich ging eine Weile hinter ihr her. Seltsam berührt. Nicht weil sie jung war, sondern wegen etwas anderem.

Ich dachte an die Zeit, als ich vor mehr als zwanzig Jahren nach Wien kam. Eins der Dinge die einem Schweizer damals sofort auffielen, war die große Anzahl Einbeiniger an krücken, Armamputierte oder sonstwie Versehrte. Ich nahm das erst irritiert zur Kenntnis, dann dachte ich darüber nach. Und beim Nachdenken kommt man drauf, dass dieses Land doch den einen oder anderen Krieg mitgemacht hat. Ist allerdings der Stadt als solche nicht anzumerken, da die Russen beschlossen hatten, Wien nicht zu plätten. Die Wiener wohnen immer noch in denselben arisierten Wohnungen der Juden und in den Hauptquartieren der Nazis. Vielleicht mal neu gestrichen. Vielleicht auch nicht.

Aber an den Menschen war der Krieg nicht spurlos vorbeigegangen. Man konnte ihn sehen. Die Versehrten. Die Krüppel. In jeder Straßenbahngarnitur saß mindestens einer auf den gekennzeichneten Sitzen. Einbeinige auf Krücken. Leere Jacketärmel. Hinkende. Einäugige. Blinde mit den gelb-schwarzen Armbinden. Sehende mit Armbinden.

Heutzutage sieht man keine Einbeinigen mehr. Keine Versehrten. Sie sind inzwischen alle tot.
Die einzigen Krüppel die man noch sieht, sind die Bettler aus dem Osten. An ihnen kann man noch die Versehrungen sehen, die man vor zwanzig auch bei Veteranen sehen konnte.

Aber dafür kann man nun andere Verkrüpplungen sehen.
Z. B. in einem Hotel im Waldviertel. Wiener Pensionisten. Alle nur unwesentlich älter als ich, aber bereits mit Gehhilfen. Der Körper, ein dicker Sack. Dieser Sack hat Beine, um ihn zum Trog zu tragen. Dieser Sack hat Arme, damit man was in ihn hineinstopfen kann. Dieser Sack hat Hände, damit er die Zigarette, die den ganzen Tag unausgesetzt brennt, abaschen kann.

Wenn man das gesehen hat, empfindet man so ein einbeiniges Dasein beinahe als vernachlässigebares Handycap. Nicht zu reden, von einem verkürzten Bein.

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