Die Knallbar Diaries (34)

Verleger Moss ruft an, besser gesagt: er stört an. Er möchte, dass ich mit ihm essen gehe, sagt, er hat die Bude voller kichernder, kreischender, quiekender „Teeniegören“, und er hält es nicht aus, sacht er, dass er neben der Betreuung von Dichtern, Autoren und anderem schreibenden Randstand, auch noch die Freundinnen seiner Tochter aushalten soll. Na gut, ich will nicht schofel sein, und sage zu. Ich meine, der Mann hat Töchter! Ich habe Söhne, und bin damit etwas im Vorteil. Will sagen, habe einen akustischen Vorteil. Die Emissionen der Jungs sind besser zu ertragen, weil da kaum was kommt.

Also gehn wir essen. Gleich um die Ecke. Kleines, neues Lokal. Fast primitive Einrichtung, schlicht, klar, und reduziert aufs Maximum, wie die beste Knallbar Prosa. Genau so muss es sein. Das Essen ebenso. Kein Schnickschnack, schnörkellos, beste Zutaten, nicht überkocht. Guter Weißwein. Moss ist angetan. Kippt schnell hintereinander 4 Gspritzte. Er entspannt sichtlich, reißt an seinem Gürtel, öffnet die Hose, was mir ein wenig Angst macht. Holt er ihn jetzt raus? Natürlich nicht. Er hat nur ein paar Pfund zugelegt. Er weiß es, und schiebt es auf den Stress.
„Mensch Knallbar, du hast es gut“, sagt er und ein gewaltiger Seufzer entströmt der Lücke in seinem gepflegten Bart. Ich warte auf das, was noch kommen soll, aber es kommt nicht. Scheint ihm zu genügen, dass ich es gut habe. Mir solls recht sein, aber dann, nach einer minutenlangen Pause, kommt dann doch noch was.
„Diese Oasch-Dichter-Autoren-Literaten san wie die Kinder.“
Ich schenke ihm einer meiner „jetzt-aber-mal-sachte-Kumpel-Blicke“, er checkt’s und fährt fort: „Du natürlich nicht, Lev, du nicht. Du gehörst zu der raren Gattung der erwachsoiden Autoren. Aber die anderen, die machen mich fettig.“
„Fettig?“, sach ich.
„Jawohl, fettig“, wiederholt er. „Sigstessjo.“ Er klascht mit der Hand auf seinen Ranzen.
Dann, während wir ein wahres Hammertatar verzehren, erzählt er mir Autorenschwänke aus seinem bewegten Verlegerleben. Schwänke sind es für mich, für ihn ist es scharfer Nervenraspel.

Ich höre ihm halb zu, und denke mir, dass doch fast alle Menschen wie Kinder sind, nicht nur wir, die Tipper. Laut, unverständig, egoistisch, unwissend und nur das schon Bekannte akzeptierend. Man sollte ihnen, wo es nur geht, aus dem Weg gehen. Aber das sage ich ihm nicht, denn er sieht nun gerade so zufrieden aus, so rosig und freundlich wie ein sattes Kind.
Ja, da sitzen wir nun. Die Welt ist scheiße, und uns geht’s gerade gut. Ich denke an Doktor Faust, der den Augenblick festhalten wollte, und weiß, dass wir das alle tun wollen. Und dann denke ich, dass dies zu wissen nicht tröstlich ist, aber darüber schreiben schon. Und bereits habe ich wieder einen Vorteil Moss gegenüber. Sag ich ihm auch nicht, dafür begleiche ich die Rechnung. Das macht ihn noch zufriedener und rosiger.
Schön und einfach, nicht wahr?

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