Edition Pussy Millenials

Miles Davis hat seine Frau geschlagen. Jean-Paul Sartre hat Simone de Bevauoir einmal öfter betrogen, als sie ihn. John Huston war das, was man als Womanizer bezeichnet. Netflix hat eine Serie über Riker’s Island im Programm. Sie ist von Harvey Weinstein produziert. Louis-Ferdinand Céline war Antisemit. Camus hat ein Buch über König Sysiphos geschrieben, der aus dem Hades zurückkam um seine ungehorsame Frau zu bestrafen. B.B. King nannte seine Gitarre frivol „Lucille“. Henry Miller wurde berühmter als Anais Nin. Frank Sinatra hat Frau und Kind verlassen um mit Ava Garnder zu leben. Jürg Federspiel war mit Esther Villar zusammen die das Buch „Der dressierte Mann“ geschrieben hat. William Bourroughs hat bei einem „Tellspiel“ seine Frau erschossen. Nelson Algren war Puffbesucher.

Ich könnte noch lange so weiter machen.

Aber es würde nichts nutzen. Denn auch dann würden die Pussy-Millenials, die bei Rowohlt ein glorreiches Autorinnenleben führen, nicht darauf kommen, dass sie vor allem vom Absatz jener Leute leben, deren Moral so sehr nicht der ihren entspricht. Und deren Produkte darum erst gar nicht unter die Leute gebracht werden dürften.

„Giulia Becker, Kirsten Fuchs, Lena Gorelik, Marlene Hellene, Sebastian Janata, Julia Korbik, Sascha Lobo, Anselm Neft, Kathrin Passig, Till Raether, Anna Schatz, Aleks Scholz, Nis-Momme Stockmann, Margarete Stokowski und Sven Stricker.“

Ich schlage vor, dass sie einen eigenen Verlag gründen, um ja nicht an solchen Biographien anstreifen zu müssen. Ich hätte auch schon einen Titel:

Edition Pussy Millenials

Coronage in german

Wie könnte man einen Deutschen am Besten beschreiben?
Antwort: Der Deutsche ist einer, der aus Angst vor dem Virus die Supermärkte leerkauft, nicht mehr mit dem ÖV fährt, Abstand zu den Mitmenschen hält, und dann am Samstag zum Fußball ins voll besetzte (60-80’000) Stadion geht.
Das ist aber die Beschreibung eines Idioten?
Finden Sie?

Narzissa und Goldmunda?

Heute las ich im Teletext, dass „Oskar-Preisträger“ Stefan Rusowitzki den Hesse Roman „Narziss und Goldmund“ verfilmt. Nach dieser Nachricht folgten vier Namen von Schauspielerinnen die mitspielen, und auch der von Uwe Ochsenknecht.

Ich kenne das Buch. Gut. Ich habe es sogar vor zwei Jahren oder so, wieder mal gelesen. Aber ich bin vermutlich einem Irrtum aufgesessen. Dem Irrtum, dass die beiden Protagionisten Männer sind. Junge Männer. Zumindest bis zum Schluss hin.

Spielt nun der alte Ochsenknecht eine Doppelrolle? Narziss und Goldmund? Das wird sicher anstrengend. Auch für die Maske.

Ich denke, man sollte auch „Den Schatz der Sierra Madre“ neu bewerten. Eigentlich ein absoluter Männer Film. Frauen kommen nur einmal ins Bild, als die Kamera über ein Eingeborenen-Dorf schwenkt. Also …

Das Sprüchemuseum (123)

 „Doch selbst wenn der erste Fall hierzulande auftritt, wäre Panik die falsche Reaktion.“

derstandard zur Coronavirusdebatte.

Wir sagen: Das erinnert uns an den Dialog von zwei Spaziergängern, als sie im Regen einige Huren an der Straße stehen sahen. „Bei diesem Wetter möchte ich keine Hure sein.“ Der andere: „Bei welchem Wetter wärst du denn gerne eine Hure?“

Camus (encore une fois)

Ich sitze auf dem Fahrradergometer und lese wieder einmal mein Lieblingsbuch von Albert Camus „Der Mythos von Sisyphus“. Es ist in Teilen noch immer schwierig zu verstehen, und ich lese vorsichtig und wiederholend. Neben mir, halber Meter entfernt, rappelt das Laufband unter den Schritten einer Sportlerin. Der Gym am Morgen ist eine große, freundliche, gleichmäßig laufende Maschine. Es tut gut, ein Teil von ihr zu sein.

Und wie jedes Mal, wenn ich wieder Camus lese, erinnere mich an meine erste Begegnung mit ihm. Ich war 17 oder 18 Jahre alt. Ich weiß nicht mehr, wie ich auf ihn gestoßen bin, aber damals las ich drei-vier Romane pro Woche, und irgendwie geriet Camus’ „Der Fall“ in meine Hände. Ich war begierig darauf ihn zu lesen, denn eine Bekannte und ihr Freund hatten mir sorgenvoll mitgeteilt, dass verrückt wird, wer Camus liest. Eine bessere Empfehlung für ein Buch habe ich nie wieder bekommen. Nichts wollte ich mehr, als mein Bewusstsein verändern. Mit was auch immer.

Ich erinnere mich an die Verstörung, die „Der Fall“ in mir ausgelöst hat. Der Roman sog mich ein, ich konnte mich dieser gefährlichen Stimmung, die er erzeugte nicht entziehen. Er wirbelte alles was ich bisher geglaubt und gedacht hatte durcheinander, und es gelang mir nie wieder die Dinge, wie sie gewesen waren, zusammenzusetzen. Es war großartig und gefährlich. Gefährlich, weil mir die Erfahrung fehlte, um dem Roman etwas entgegenzuhalten. Ich musste das Ding schlucken und damit klar kommen.

Dann las ich auch die anderen Bücher von Camus. „Der Fremde“, „Die Pest“, „Der Mythos…“ und den Rest auch. Ich denke, ich wurde damals eine Art Existentialist. Und ich bin es noch. Aber was ist ein Existentialist? Ich weiß es noch immer nicht genau. Die Sinnlosigkeit allen menschlichen Tuns aushalten, und diszipliniert sein Bestes geben? So irgendwie …

Nichts neues unter der Sonne

Eine preisgekrönte Predigerin (fünf namhafte Preise 2019, bereits zwei weitere 2020 – und wir haben erst Anfang Februar) fragt in ihrem Wort zum Sonntag u.a: „Warum wird der Hass wieder gesellschaftfähig?“ Nun ja, warum „wieder“? War er denn jemals weg?

Und ich behaupte keck, dass der Hass, die Verachtung, die Ablehnung und auch die Verfolgung, die wir in den siebziger Jahren erleben durften, um einiges direkter, greifbarer und mitunter auch gefährlicher war, als das, was heute so von den Millenials bejammert wird.

In den Siebzigern war’s in etwa so, wie jene Szene in „Easy Rider“, als Peter Fonda und Dennis Hopper in dieses Redneck-Kaff einfuhren um dort was zu essen. Die Autochthonen wollten ihnen das antun, was man uns Typen mit langen Haaren (in der Schweiz) auch antun wollte: Kahlscheren, mit rostigen Dosendeckeln kastrieren, nach Moskau einfach schicken, verprügeln, verstümmeln, ausrotten.

Damals, ich erinnere mich gut, musste man wissen, wo man sich bewegen konnte und wo man gar nicht auftauchen sollte. Ich arbeitete hin und wieder auf dem Bau, und wenn die Kollegen erfuhren, dass ich Dienstverweigerer war, gab’s „Moskau einfach“ und schlimmeres. Tagtäglich. Jahrelang.

Einmal, als ich mit einem befreundeten schwulen Tenor in einer Landkneipe zu Gast war, wollte die Dorfjugend mir den Kopf scheren. Es gelang mir gerade noch es mit einer von einem Taschenmesser abgesäbelten Locke, gut sein zu lassen.
So war das. Damals. Und wir hatten nicht mal ein Fazebock und ein Internet um uns auszuheulen. Und keine preisgekrönte Predigerin sprach für uns. Wir mussten mit dieser Stimmung in der Bevölkerung dealen. Bis dann andere die Feinde des Mobs wurden, und dessen Hass anstachelten …

Sagte er

„Als weißer Mann werde ich angepisst, nur weil ich weiß bin. Wenn ich aber blackfacing mache, ist es auch wieder nicht recht.“

Alte Männer mit Büchern

Ich sitze auf dem Fahrradergometer, absolviere ein HIIT-Programm und lese John Fantes „Voll im Leben“. Der kleine Roman lag mehr als ein Jahr im Regal am Kopfende meines Bettes. Nun hat er es endlich auf’s Rad geschafft. Natürlich ist er großartig, der Roman. Es ist ein Fante. Ich habe keine Ahnung, warum ich ihn so lange verschmäht habe. Irgendwas passte nicht. Ich nahm ihn zur Hand und las ein wenig darin herum, aber der Funke sprang nicht. Jetzt bin ich so ziemlich begeistert und erkenne den großen Schrifsteller wieder, der Fante war. Warum nicht schon vorher?
Ja. Noch immer ist so einiges rätselhaft. Soll so bleiben.

Was mir auffällt: Die alten Männer auf den Ergometern haben immer öfter Bücher vor sich. Lange Jahre war ich der einzige Kerl, der noch in richtigen Büchern aus richtigem Papier las. Ich bin halt ein verdammter Trendsetter.
Jetzt höre ich Van Morrisons „Tore down à la Rimbaud“. Yeah, abgerissen wie Rimbaud. Kommt mir auch bekannt vor.
Aber was hat das mit Fante, Ergometern, alten Männern, Büchern und mit mir zu tun?
Vermutlich so einiges.

Besuch in Dachau

Vor fast dreißig Jahren war ich zusammen mit meinem Freund Franz Dobler im KZ Dachau. Wir sind mit dem Rad hingefahren, da die KZ-Gedenkstätte nicht weit vom Hof der Schwiegereltern von Franz liegt. Die Sonne schien. Es war warm. Sommer.
In der Gedenkstätte war kein Mensch. Es war irgendein Wochentag. Am Nachmittag. Ich erinnere mich an das Knirschen des Kies, als wir über den riesigen Platz gingen, auf dem die Gefangenenbaracken gestanden hatten. Es war alles sehr sauber. Keine Zigarettenstummel. Keine Papierfetzchen. Kein weggeworfenes Einwickelpapier. Ich habe nie wieder einen solch saubern Kiesplatz gesehen.

Die Baracken waren nicht mehr da. Wenn ich mich richtig erinnere, hatte man ihre Umrisse mit Steinen nachgelegt. Kies und diese Steine. Es gab auch eine Menge Stacheldraht und sonstigen Draht. Wachtürme, die sehr neu aussahen, frisch gestrichen. Ordentliche Ziegel. Ich erinnere mich an den Bunkerbau, den Keller, wo sich Zellen befanden. Man konnte die Eisengitter anfassen. Es waren diesselben Eisenstäbe, um die auch die Unglücklichen ihre Finger gelegt hatten. Die Beklemmung, die da in mir aufstieg, war vermutlich diesselbe, die ich auchauf einem Besuch in Alcatraz empfunden hätte. Ich hatte etwas besonderes erwartet. Eine besondere Ergriffenheit. Abscheu. Trauer. Wut. Ich wollte etwas besonderes empfinden, aber ich empfand es nicht.
Später dachte ich, es wäre vielleicht besser gewesen, man hätte die Dächer der Wachtürme nicht neu eingedeckt, und die Wände nicht verputzt und frisch gestrichen. Und man hätte die Baracken nicht abgerissen, sondern sie einfach, so wie sie waren stehen und verfallen lassen. Aber das hätte einfach nicht ordentlich ausgesehen, oder? So, wie es jetzt war, war es beinahe nichts, und der Platz mit seinem hell in der Sonne schimmernden Kies sah aus wie ein riesiger, japanischer Zengarten.
Mein Freund weinte. Ich nicht.
Das ist vielleicht das Problem mit diesen Gedenkstätten: Man sieht etwas. Aber es ist nichts besonderes. Es ist ein wenig so, wie wenn man eine alte Burg besucht und in das Verließ starrt, das für die Touristen frisch ausgemalt wurde. Die Sonne scheint und es ist still, bis auf die Vögel und die Autos die irgendwo herumfahren. Man liest die Inschriften und sieht sich Fotos an. Eine leichte Sommerbrise.

Was die Imagination da zu leisten hat, um auch nur einen Hauch des Gräuels nachzuempfinden, ist vielleicht einfach nicht leistbar. War es in diesem Fall auch für mich nicht. Und ist es schon gar nicht für jene, die Panik kriegen, wenn der Akku des Phones nur noch bei 25 % ist.
Reicht dann halt gerade noch für ein paar Selfies.
Das ist nicht nur deren Schuld…