h.p. gansner (1953 – 2021)

Wenn das Herz das Herz aller Dinge ist …

Irgendwann im Jahr 2009 erhielt ich eine E-Mail. Sie kam von h.p. gansner, und im Anhang fand ich das, was man im analogen Zeitalter als „Stapel Gedichte“ bezeichnet hätte.
Der Name war mir geläufig, und ich verspürte einen Anflug von Stolz, dass er sich beim „Songdog Verlag“ meldete, um seine Gedichte zu publizieren.

Denn als ich Anfang der 80-er Jahre in Basel lebte und Schriftsteller werden wollte, und keine Ahnung hatte, wie das zu bewerkstelligen war, außer dass ich mich mit anderen herumtrieb, die „irgendwie“ auch Schriftsteller werden wollten, sprachen wir andauernd über jene, die es bereits waren. Zum Beispiel über Matthyas Jenny mit seiner „Nachtmaschine“, René Schweizer, Manfred Gilgien, Althaus, Hansjörg Schneider, Jürg Federspiel oder Dieter Fringeli. Auch der Name Gansner fiel immer wieder. Er hatte gerade die Erzählung „Abgebrochenes Leben“ in Jennys „Nachtmaschine veröffentlicht.

Aus dem „Stapel Gedichte“ wurde schließlich der erste „herz“ – Band, aus dem dann im Laufe der nächsten elf Jahre, eine Serie von fünf Büchern werden sollte.
Damals, 2009, stritten wir eine ganze Weile über den Titel, wie über eine gewisse – von mir als Marotte empfundene– Angewohnheit, die Gedichte mit preziösen Motti gelehrter Männer und Frauen einzuleiten.
Ich setzte mich schließlich durch. Der Titel „herz“ saß, und die Einleitungen blieben draußen. Denn in seinen Gedichten ging es um „herz“. Sein Herz. Sein krankes Herz. Unsere Herzen. Aber vor allem um seins. No na (wie man in Wien sagen würde). Seines litt unter Insuffizienz.

Persönlich sind wir uns nur einmal begegnet. Bei einer seiner Lesungen in einem Kloster. Wir fuhren danach zusammen mit dem Zug nach Bern, und tranken im Bahnhof ein paar Bier zusammen. Wir kamen gut miteinander aus. Und wir blickten uns über die politischen Gräben hinweg in die Augen; über Gräben, die sich automatisch mit einem wie mir, einem Antiideologen, auftun mussten.

In der Kommunikation war er oft überschwänglich, und schien immer guter Dinge zu sein, voller Pläne und neuer Projekte. Äußerst charmant. Vor allem, wenn er ein Anliegen hatte.

Sein Output, sein Oeuvre, ist beeindruckend und umfasst so ziemlich jede literarische Gattung. Un vrai homme de lettres.

Dass sein Herz ausgerechnet am Tag der Arbeit, dem 1. Mai, stehen blieb, hat nichts weiter zu bedeuten. Aber bei ihm, einem ausgewiesenen Linken und Antikapitalisten, könnte man doch versucht sein, einmal eine Ausnahme zu machen.

Und so wie wir unsere Mails immer unterschrieben, so unterschreibe ich auch jetzt:

Cordialment
Andreas

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