Weihnachtsgesichter

In meiner Kindheit fielen die Adventstage in den richtigen Winter. Es lag überall Schnee, und der Natureislaufplatz war in vollem Betrieb und der dicke Gemeindebedienstete hockte in seinem Kabuff, kassierte die 50 Rappen Eintritt und bediente den Plattenspieler, legte Singles auf. Mein Lieblingssong war „San Francisco“ von Scott McKenzie. Wir hatten also zu tun. Schifahren und Eislaufen. Eishockey und Slalomfahren. Wir bekamen ein Adventkalender und öffneten jeden Tag ein Türchen. Dahinter lag ein Stück Schokolade.

Und dann kam der Weihnachtsabend und wurde jedes Mal eine wunderbare, kerzenhelle Enttäuschung. Ich war der „Hans im Schneckenloch“ aus dem gleichnamigen Song. „Und was er hat, das will er nicht, und was er will, das kriegt er nicht.“ Als vier-oder fünfjähriger legte man mir einen Holzbaukasten unter dem Baum. Es dauerte nur ein paar Minuten, dann lag er bereits im prasselnden Holzofen. Irgendjemand rettete noch ein paar Teile aus den Flammen. Ich glaube, es gibt sie immer noch. Irgendwo.

Ja, was sollte ich damit? Das war Kram. Ich wollte Fury. Später dann Schusswaffen, Bögen, Messer. Was ich bekam, waren Socken, lange Unterhosen und Handschuhe.
Was macht ein Kind, das nie erhält was es sich wünscht? Es wird zum Philosophen. Es erwartet nichts mehr. Die Wünsche bleiben geheim. Es weiß instinktiv, dass das Leben einem nichts schuldet, und man es auch nicht bekommt.

Später hasste ich Weihnachten. Es erschien mir als der Gipfel der Heuchelei. Schlimmer ging nimmer. Schlimm war auch Familie. Selbe Katagorie. Wenn ich einen Job hatte, meldete ich mich für die Weihnachtsschicht. Das schien mir ein würdiger Anlass um zu arbeiten und mit den Kollegen, das eine und das andere Glas zu leeren.

Dann gab es die Zeit in der ich mich am Heilig Abend in Bahnhoffbuffets herumtrieb, und mit Pennern, Obdachlosen und Einsamen trank. Es war sehr romantisch und sehr laut.

Und dann kam die Zeit, in der Weihnachten einfach nichts wahr. Wo mich eine Frau irgendwohin zu ihren Freunden schleppte, wo jemand groß aufkochte und wo alle so taten, als wär nicht Weihnachten.

Dann wurde Weihnachten zur Massenpsychose.

In meiner Kindheit hatte man kein Geld für Geschenke. Außerdem gab es auch nichts zu kaufen. Man war noch nicht Konsumist, erst auf dem Weg dazu. Noch sprach man uns nicht als „Konsumenten“ an. Ich glaube, dieses Wort gab es nur im Duden zu lesen. Die Dinge, die es gab, waren teuer wie die Sünde. Für die biligsten Skischuhe musste ein Familienvater ein paar Tage arbeiten. Und alle gingen zur Christmette und sangen sich die Kehle wund. War das schön? Nein, es war einfach, wie es war.

Dann war plötzlich wieder Weihnachten. Kinder.
Und bei all diesen vielen Weihnachten, ging es nie um die Geburt des Gesalbten. Und das ist auch okay so. Weihnachten ist heidnisch, wie man so sagt. Ein Heidenstress für alle (fast alle). Soll so sein. Weihnachten ist wie Corona: Man kann ihm nur entgehen, wenn man sich isoliert in Quarantäne begibt.

Bei uns liest eine Tochter den Anfang der Genesis auf Altgriechisch. Es rührt mich an, die Sprache zu hören in der Sokrates, Aristoteles, Epikur und die anderen Burschen gesprochen haben.
Und dabei habe ich nicht mal Matura.

Dieses Jahr kann man an Weihnachten jemanden umbringen oder umgebracht werden. Man weiß nicht wen oder wer einem ins Grab bringt. Aber es ist halt Weihnachten. Es muss sein. Da hilft nix. Es ist ein seltsamer und verrückter Zwang. Wie Koprolalie, Tourette oder ein solider Waschzwang.

Nun denn. Diese Gesellschaft gehört auf die Couch. Aber da ist halt kein Platz für alle.

Keep it cool! Und rechnet mit dem Schlimmsten.
Oder um die „Stones“ zu paraphrasieren:
„You can’t get always what you want, but if try and try and try, in the end you will get a fancy tombstone.“

Sincerly yours

A.

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