Sterben ist geil

In der Schweiz macht man sich wieder mal daran „eines der letzten Tabus“ zu knacken. Das Sterben. Ein Buch übers Sterben holt den Buchpreis. Warum auch nicht. In den siebziger Jahren gab es Bücher übers Gebären, knapp fünfzig Jahre später geht’s darum wie wir in die Kiste hüpfen, den Holzpijama anziehen, a Bankl reißen, den Blinden nehmen, einen Abgang machen.
Ich denke, es gibt in hochzivilisierten Gesellschaften eine tief verwurzelte Lust Tabus zu brechen. Eins ums andere muss dran glauben. Die armen Tabus. Sie können einem leid tun. Sie sterben aus. Man sollte sie unter Artenschutz stellen.

Der postmoderne Sterbende belegt Schreibkurse, um seinen Nachruf selber zu verfassen, und die Sterbende sucht sich den Baum aus, unter dem sie dereinst die Ewigkeit zu erfahren glaubt oder man geht gleich bei der Witwe von Polo Hofer vorbei, um bei der Sargdealerin in einem der hübsch bemalten Kisten schon mal Probe zu liegen. Wenn man das Ding nicht gleich selber nach eigenem Geschmack bemalt.

Ich schätze mal, wir sind noch eineinhalb Babyschritte von Sterbepartys entfernt. „Hey, kommt alle. Ich sterbe. Let’s celebrate!“ Live auf Youtube.

Warum denn nicht? In dieser feiersüchtigen Zeit, in der es absolut nichts zu feiern gibt, sollte man es richtig krachen lassen, bevor man über den Jordan geht. Drüben geht es dann weiter. Wie wir ja alle wissen.

Natürlich ist bei all diesen Ansätzen auch die Kirche nicht weit. Wenn ihr bei den Lebenden die Felle davon schwimmen, kann sie bei den Sterbenden noch ein paar neue Fallen auftstellen.

Es sei, wie es ist. M’importa una sega. Epikur bemerkte einmal, dass der Tod ihn nichts anginge. Denn wenn er lebte, war der Tod nicht da. Und wenn tot war, war er eben tot.

Das einzige was mich wirklich stört und nervt ist, dass in diesem Gerede Spiritualität immer mit Religon und Religiosität gleichgesetzt wird.

Leute, Religion und Spiritualität haben miteinander soviel zu tun, wie das Absingen eines Schlagers mit dem Komponieren einer Symphonie.

Let it be. Und bemalt brav eure Särge.

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