Covi-Diary (20)

Dann dachte ich gestern Abend plötzlich:

[Ich bin] ein Teil von jener Kraft,
Die stets das Böse will und stets das Gute schafft. …
Ich bin der Geist, der stets verneint!
Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,
Ist wert, daß es zugrunde geht;  
Drum besser wär’s, daß nichts entstünde.

Keine Ahnung warum. Weil ich Mephisto bin? Hat Goethe an mich gedacht, als er das schrieb? Und warum hatte Goethe keinen verdammten Lektor?
Mich stört noch immer diese Wortwiederholung „stets“ in derselben Zeile.
Ok, es ist schwer. Man kann stet nicht durch „immer“ ersetzen. Aber vielleicht mit „doch“. Aber vermutlich war Goethe gerade auf dem „… eht“-Trip. Stet, entsteht, geht. Aber trotzdem.

„Faust“ von Gründgens ist der einzige Film den ich zusammen mit meinem Vater im Kino gesehen habe. Weiß nicht mehr wann genau. Vielleicht 1970 oder 72.
Ich fand, Mephisto hätte nicht so bezirzend in Faust hineikriechen müssen. Er war sich seiner Sache ja sicher. Er hätte einfach cool sein Ding sagen können. Er war es nicht, der Probleme hatte.
Aber es ist ein Gründgens Film, und Gründgens stellte sich den Teufel so vor: Geil auf eine Seele. Das gefiel mir nicht so. Gründgens wollte halt, dass Faust besser wegkam.

Wie auch immer, heute morgen gings ab in die sonntägliche Stadtwanderung, ab hinter den HBF, hinein in die riesige Brache dahinter, dann durch den Waldmüllerpark, wo depressive Jogger und nachdenkliche Obdachlose schon sehr früh unterwegs waren, dann immer Richtung Süden, durch komplett ruhige und leere Straßenzüge, wo nur die Cops in den Streifenwagen ihre Kreise zogen, und eine versprengte Lady mich um Feuer bat, das ich ihr nicht geben konnte.
Die gewaltige Laxenburger hinauf bis auf die Kuppe, dann nach rechts geschwenkt, und ich war im Erholungsgebiet „Wienerberg“.

Es war noch nicht mal 9 Uhr, und schon einiges los. Die Sonne schien, ein netter Wind frischte auf, niemand lächelte, niemand freute sich, aber ein Vater mit seiner kleinen Tochter erfuhr ein öffentliches „Mothersplaining“ von seiner hantigen Frau.

Später, auf dem Rückweg über die mächtige Einfallsstraße Triesterstraße, machte ich einem Typen Platz, der voll auf Winter gepimpt, einen zerfledderten Korb trug, in dem oben auf eine große, selbst gefertigte Puppe lag. Sie sah aus, als hätte er sie vom Set eines Stephen King-Films geklaut. Aber der Mann sagte überaus freundlich: „Morgen!“ und ich erwiderte seinen Gruß ebenso freundlich: „Morgen“.
Sowas erlebt man nicht oft. In Wien. Gegrüßt werden, beim Wandern. Auf der Straße. Geschah mir aber doch schon vor zwei Wochen am Donaukanal. Eine unbekannte Frau wünschte mir einen „Guten Morgen!“.
Und ich fragte mich, ob wir uns erkennen?
Aber wer sind wir?
Freundlichen Mephistos?

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