Die Knallbar Diaries (39)

Neulich hat Verleger Moss aus der Messe angerufen. Voll im Öl, wie man hier so sagt. Na ja, kein Wunder.
Ich las gerade eine dämliche Polemik von einem Linken, der gegen Menschen (so sagt man heute doch), die im Zug erster Klasse fahren, vom Leder zog. Er plädiert dafür die erste Klasse abzuschaffen.
Zu diesem Behufe klaut er ne Zeitung aus der ersten Klasse, um es den Geltungsschweinen mal so richtig zu zeigen:
Mit der Lektüre, die mir nicht zusteht, setze ich mich in einen Waggon, in dem ich sie nicht lesen kann: Ein Baby schreit, zwei Reihen weiter hinten telefoniert jemand zu laut, ein Damenkegelklub reicht Eierpunsch herum. Aber immerhin habe ich einen Akt zivilen Ungehorsams gegen die Erstklässler drei Wagen weiter vorn ausgeübt.“

Ja, genau. Die Demokratie muss alle gleich machen, und wenn sich der Pöbel schlecht benimmt, dann ist das eben doch ganz demokratisch die Mehrheit, und somit hat sich dem niemand zu entziehen. Na gut, mir wurscht. Ich bin Elite. Eine Minderheit, von der Mehrheit, rechts wie links, gehasst, weil ich mir erlaube, für mein Geld ein wenig Ruhe zu erkaufen. Genuss, sozusagen. Und wenn für einen Ruhe Genuss ist, dann ist er eben ein kapitalistisches Geltungsschwein, denn in der deutschen Demokratie erwirbt man Genuss durch Gebrüll auf dem Fußballplatz, im Bierzelt, oder durch unausgesetzt dummes Gequatsche in Zügen.

Aber jetzt bin ich abgeschwiffen (ziemlich elitäres Verb, wa?).
Moss ruft also an, fett, wie ein mieser Koch.
„Ey, Knallbar“, trompetet er ins Telefon, „wasnmidirlos? Wobissndenn? Dumüsssesthiersein.“
„Moss, du gefilte Speckamsel, lass mich in Ruhe. Ich hab schon schlechte Laune.“
„Ey, Knallbi, des woa itz oba ned Piesi, goa net.“
„Was gibts?“, lenke ich ein. Mit Betrunkenen soll man nicht rechten.
„Hast du schon gehört, dass diese deutsche Double vom Petzner  (Lebensmensch des seligen Jörg Haider. L.A. K.), nach seim Säuferziegel, gleich eine Ausnüchterungsbroschüre hinterher gschom hat? Hastes ghert? Oder nich?“
Ich hatte bereits davon gelesen, und sagte es Moss.
„No supa. Dann mochst jetzt a sowas. Aber andersherum…“
„Wie, andersherum?“
„Du schreibst itza an Ziegel, wo du die Sauferei lobst und preist, und dich über die Nüchternpussys lustig machst. Host ghert!“
„Klar, Moss. Mach mich gleich an die Arbeit.“
„Du kennst dich doch aus, mim Saufen und Koksen unso! Und lebst noch. Ich meine, der Scheiß konnt dir nix anhaben. Und das sollte endlich mal einer sagen, wie gut die Sauferei und die Drogen san. Clint hat schon recht: San ollas Pussys. Und Wappler. Pussys und Wappler. Hundert Bestseller über ein Haufen Nullen, die mim Saufen aufghert ham. Jetzt braucht die Welt ein Gegengewicht zu den Heulsusen. Einen Kerl. Einen gottverdammten Knallbar, vastehst…“
Ich hörte wie er kotzte. Es klang, als täte er es ihnen gewaltigen, dröhnenden Blecheimer.
Ich legte auf, wie man so sagt, obschon ich nicht auflegte, sondern nur den roten Knopf drückte. Eigentlich drückte ich ihn gar nicht, sondern tippte nur zart mit dem Finger drauf.

Es war alles nicht mehr so wie früher. Aber eigentlich wars noch wie früher. Déjà vu auf jeden Fall, was die Gleichmacherei anlangt. Musste ja so kommen.
Schreib ma hoit a urdentliches Säuferbuch. Zeit wär’s ja.

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