Die Knallbar Diaries (36)

Manchmal muss ein Mann tun, was ein Mann tun muss (warum eigentlich nicht immer?). Und manchmal muss der Mann krank sein. Nur kurz, natürlich, denn ein Mann ist nur kurz krank, ganz im Sinne Epikurs: kurz und heftig. Und so geschah es auch. Der Knallbar fing sich das Norovirus ein. Es streckte ihn nieder, und ließ die unausprechlichen Öffnungen des Körpers überquellen. Nicht jene sagenhaften 9, die Apollinaire besang, nur hauptsächlich deren zwei. Aber lassen wir das. Zwei Tage hats gedauert. Zeit genug, dachte ich, vielleicht wieder mal zu lesen. Ich lese sonst nichts. Nicht, wenn ich selber arbeite. Nur so ein bisschen vor dem Akt, um mich in Stimmung zu bringen, um mir bewusst zu werden, was Sache ist.

Dann las ich, fiebrig wie ich war, einen ganzen Ziegel in zwei Rutschen. Einen Kriminalroman. Das auch noch. Die heikelste aller Gattungen. In keiner wird soviel Müll produziert, nirgends soviel „Der-Plot-ist-das wichtigste“-Schreibe, nirgends soviel Worthülsen und totes Satzgeäst, nirgends soviel Phrasen und unispiriertes Herumgeeier, nirgends soviele lesbische Katzen, nirgends soviel ausgefranstes und totgestanztes Clichée (ja, französisch kann er auch, der Lev! Wobei das mit dem Clichée, ja schon selbst wieder ein Clichée ist), nirgends soviel auf dem Altar des Whodunnit geopferte Syntax, nirgends soviel Magieentsagung und Zauberabstinenz.

Aber der Bursche, dessen Buch ich las, der konnte es. Der hatte wahrhaft Eier. Wie ein Straußgelege. Der schiss sich nix, der war frei von Furcht und Tadel, der zeigte es den Pussys und den älteren Whodunnitdamen beiderlei Geschlechts. Madonna spudellata, dio rospo!

Die ersten hundert Seiten: Exposition. Ein Sylvester. In einer Kneipe. Zwei Männer und eine hereingeschneite Girlieband. Und eine Jukebox. Gequatsche. Weisheiten. Anmache. Zigaretten. Trauer. Nostalgie. Jede Menge Shots (wie’s heute heißt). Fast hundert Seiten, Freunde, Feinde und Gleichgültige.Und noch nicht mal der Ansatz einer Krimihandlung. Das macht ihm keiner so schnell nach. Und nicht der kleinste Anflug von, jetzt „aber in die Ecke mit dem Ziegel“.
Und als dann die Handlung irgendwie einsetzte, merkte man es nicht mal, denn es war wurscht. Natürlich: die Auflösung nicht der Rede wert. Ein hartes Buch. Ein Buch voll kluger, schneller Sprüche, ein Buch, bis oben hin voll Wissen um die populäre Kultur von gestern und heute und morgen. Ein dunkles Buch, so verzweifelt und heiter wie etwa „Alles wird gut“, von Jörg Fauser, an das es mich immer wieder erinnert hat.

Ich möchte es all jenen ans Herz legen, die noch nicht resigniert haben, denen Mut und Literatur noch etwas bedeuten.

Das Buch heißt:

„EIN SCHLAG INS GESICHT“

von FRANZ DOBLER

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.