Bier

Neulich, als ein ganzer Tag lang die Sonne zugegen war, ließ ich den Laptop zugeklappt und stürzte mich in den Schlund, und schaffte einige gefällte Bäume herauf. Dann, danach: DAS BIER.
Es schmeckte wie das erste Bier des Lebens: Kühl, bitter und süß zugleich, überwältigend fremd und göttlich. Und ich erinnerte mich an einen Text, den ich vor langer, langer Zeit geschrieben habe:

PREKARITÄT

Neulich habe ich gearbeitet. Wieder einmal. Nach Jahren der Abstinenz. (Nein nein, was immer irgendwer behaupten mag: Schreiben ist keine Arbeit. Auch nicht Fitnesstrainer, Filmregisseur, Anlageberater, Abgeordneter oder Berufsjugendlicher.) Arbeit ist ein Fluch. Darüber kann auch das Heer der bekennenden Workaholics nicht hinwegtäuschen. Außerdem arbeiten diese Arbeitsalkoholiker nicht. Es sind im wohlmeinendsten Sinne Beschäftigungsaholics. Tätigkeitssüchtige, für die süße Untätigkeit verlorene Wichtigkeitsjunkies.

Denn es gibt keine Workaholics an Presslufthämmern. Mir ist nie einer untergekommen, dessen Beruf es war, die Hintern von sterbenden Menschen auszuwischen. Oder hat man je von einer Frau gehört die im Supermarkt den ganzen Tag an der Kasse sitzt, Regale auffüllt und von sich behauptet Workaholic zu sein? Jemand der Eisflächen putzt, Mauern aufzieht oder um halb 3 Uhr morgens Brote in den Ofen schiebt, ein Workalholic?

Also. Neulich habe ich gearbeitet. Zusammen mit der alten Band. Eine Reunion, sozusagen. Eine vortreffliche Bande von Malern, Kneipiers, arbeitslos gewordenen Streunern und Talking Heads; ein Sammelsurium von alten Haudegen, für die das Modewort „Precarité“ seit Jahren (vielleicht schon  immer) nichts anderes bedeutet, als die bevorzugte Art, ihr Leben zu leben.

Der Sinn der Arbeit liegt in ihrer Vermeidung. Dazu bedarf es einer mentalen und intellektuellen Anstrengung, die permanent erbrachte Höchstleistung des Gehirns, während die Muskeln Glykogen verdampfen. Arbeit ist Kampf. Vermeide die Niederlage. Die Lust, die Arbeit einem gewährt, bedarf unseres Dazutuns und wird aus ihrer Reduktion destilliert. Aus der Präzision der Handgriffe, dem Zwang zur Logik, der daraus erwachsenden Choreografie, der schneidenden Schärfe der dazugehörenden Logistik und dem langsamen Verblassen der Kräfte in den Muskeln. Und dann: Ein tiefes und sanftes Gefühl der Ruhe strömt in die Kapillaren. Erschlaffung und Freude. Vorfreude auf die Drinks, das Bier. Ein Göttergetränk, dessen wahre Klasse und grundgütige Wirkung sich nur dem wahrhaft Arbeitenden offenbart.

Man arbeitet doch nur, um danach genügend Durst zu haben einen Kasten Bier auszumachen.

Der Rest ist für die Workaholics.

(Aus „Das Flackern der Flamme bei auffrischendem Westwind“)

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