…sacht ein Vogel zu irgendwem was (2)

Kiev Stingl hat sein Hemd ausgezogen und geht auf der Bühne auf und ab, wie ein hochmütiger Dompteur von Königspudeln und schlürft dabei die köchelnde Hasssuppe des Publikums in sich hinein.
Der große Saal in der Roten Fabrik in Zürich ist gut gefüllt.  Man will sich das deutsche AMOK-KOMA-Dichterding ansehen, oder eigentlich nicht ansehen, denn es riecht nach Krawall.
Kiev Stingl hat eine zerlesene Zeitung in der Hand und liest, auf – und abgehend, aus dieser Zeitung vor. Irgendwas, keine Ahnung.
An der Bühnekante lehnen Tafeln aus Pappe und Dachlatten. „Stingl verpiss dich!“ und solches mehr. Einer seltsamen Choreografie folgend, lösen sich von der linken Seite des Publikums, Figuren.
Sehr theatralisch. Sie nähern sich der Bühne, indem sie einen Halbkreis beschreiben, dann treten sie an die Bühnenkante und werfen mit irgendwas nach Stingl. Abgang im Halbkreis. Stingl macht keine Anstalten den Dingen, die auf ihn zugeflogen kommen, auszuweichen.

Ich kenne die Typen. Es sind „Bewegte“ aus den eingeborenen WG’s.
Aber was haben sie gegen Kiev Stingl? Haben sie nicht „Flacker in der Pfote“ gelesen? Kennen sie nicht „Hart wie Mozart“?
„Der Arsch hat verlangt, dass ihm auf der Bühne eine Frau den Hosenlatz aufmacht und sein Horn bläst!“, sagt Moritz, den ich frage.
Oh, ja. Mehr braucht man nicht zu wissen. Denn hier war Zürich. Und es ging zu wie in der Provinzdisco, wenn der vom Nachbardorf eine Einheimische anbaggerte. Dann gibts was auf die Fresse.
Stingl war den politisch Radikalen zu radikal. Es war die falsche Radikalität.
So geht’s eine Weile weiter. Ich weiß nicht, was ich tun soll.
Die Gegenstände, die Richtung Stingl fliegen, werden größer, massiver. Ein Fotograf, der es wagt, die Tafeln umzuplatzieren, wird aufgemischt. Im Rudel stürzen sich Moritz und seine Kumpels auf den Mann. Es dauert zwei Sekunden und der Typ hat ein paar Ohrfeigen, Tritte und Schläge abgekriegt. Benommen, seine Kamera untersuchend, tappt er zu seinem Stuhl.

Ein Gitarrenkoffer segelt zu Kiev hoch, und im selben Augenblick sehe ich am Ende des letzten Tisches eine Flasche Ballantines Whiskey. Dahinter sitzt der Basler Dichter und Verleger Mattyas Jenny. Er hat die Ray Ban Sonnenbrille aufgesetzt, was bedeutet, dass die Flasche Ballantines vermutlich leer ist. Er steht auf, geht leicht schwankend zur Bühne, steigt hinauf, schnappt sich eine der Tafeln und setzt sich auf einen Stuhl, das Holz wie einen Baseballschläger in den Händen, und die Gläser der Sonnenbrille auf das Publikum gerichtet, wie die Läufe einer Schrotflinte.

Von nun an, fliegt nichts mehr auf die Bühne. Stingl bringt sein Ding zu Ende.
AMOK-KOMA. Zürich 1980 oder 81. Eine Dichterlesung.

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