Der Neue

Der langsamste Mann der Stadt, über den ich ein paar Mal geschrieben habe (hier der Link: http://songdog.at/blog/?s=der+langsamste+Mann),  ist verschwunden. Vielleicht verzogen, vielleicht in ein Pflegeheim gesteckt, und vielleicht – das befürchte ich – ist er auf dem Friedhof. Ich vermisse ihn. Seine unendlichen langsamen Schlurfschrittchen, seine Pausen im Bushäuschen, mit einer Filterzigarette in den gelben Fingern. Er ist schon sehr lange weg. Es tut mir leid.

Aber jetzt gibt es einen Neuen. Ich begegne ihm fast jeden Tag auf dem Weg ins Geisteszentrum, mit seinem Hackenporsche, den er aber wie einen Rollator vor sich herschiebt, gebeugt, graubärtig, stumm, blicklos. Die Einsamkeit in der er eingekerkert scheint, ist so total, dass mir fast die Tränen kommen. Ich denke dann an das Zimmer in dem er sitzt, an seine Küche, in der er sich Essen kocht, kein Wort zu niemandem. Er sieht aus, als könne er nicht mehr sprechen. Es ist alles gesagt. Es ist alles getan. Bis auf einkaufen, kochen, essen, schlafen.

Wenn wir aneinander vorbeigehen, sehe ich, dass er mich nicht sieht.
Es ist schon ein verdammtes Ding, ein Mensch zu sein.
Und ich frage mich, warum mich der Anblick des ertrunken Jungen am Strand so völlig kalt ließ, aber „der Neue“ mich mitten ins Herz trifft?
Ich hoffe, er bleibt noch ein Weilchen, bevor er für immer verschwindet. Und ich vielleicht eine Antwort bekomme…

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