Ich steh drauf

Eine bemerkenswerte Eigenschaft der Schweizer – zumindest der älteren – ist: Zurückhaltung. Nicht auffallen, niemandem zur Last fallen, nicht im Weg stehen, Extrawürste ablehnen.

Das hat zweifellos auch Schattenseiten. Niemand darf sich erfrechen, sich über das demokratische Mittel zu erheben. Und auch Friedrich Dürrenmatt hätte keine Sonderbehandlung erwarten dürfen, und DJ Bobo wusste zu berichten, dass er, der internationaler Star, sich im Freundes-und Bekanntenkreis besonders bescheiden geben muss. So verlangt es das demokratische Protokoll.

Andererseits hat es tolle Vorteile.
Vor mir eine ältere Lady mit kompletter Schiausrüstung am Bahnschalter. Sie kauft ein kompliziertes Ticket. Es dauert etwas. Sie hat bereits alles zur Bezahlung bereit gestellt. Und als sie bezahlt hat, rückt sie vom Schalter weg, und packt ihre sieben Zwetschken daneben zusammen. In Wien würde man so etwas nur in Ausnahmefällen erleben. Da wird der Schalter blockiert, bis auch noch die Nase geschnäuzt und das Taschen tuch eingesteckt ist. In Wien wird der vermeintliche soziale Status in der Zeit manifest, in der ich den anderen warten lassen kann.

Als ich mein Ticket gekauft habe und einen Schritt zur Seite rücke, um den Schalter freizugeben, stürzt der hinter mir Wartende nicht an mir vorbei, sondern wartet mein freundliches Winken ab, um dann näher zu treten. Es ist eine Vergewisserung, dass meine Geschäfte auch wirklich abgeschlossen sind.

Man nennt es Höflichkeit. Auch wenn man sie in der Jugend verachtet und ganz bewusst gemördert hat, so ist doch unbestritten, dass sie das Leben einfacher macht. Man nennt es auch Anstand oder Rücksicht. Zivilisation.

Ich steh drauf.

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