Auftritt Schweiz

„Es gibt keine richtige Schweiz in der falschen!“, sprach einst Adorno und meinte eigentlich etwas anderes, aber es war zu spät, das Ding war draußen. Und draußen ist auch der „Auftritt Schweiz“ an der Buchmesse Leipzig. Kommentatoren fanden das „so ziemlich ironisch“, wobei sie auf die rot eingefärbelten Sitzbänke („Schweizer Bank“) anspielten, mit denen die Kohorte der Schweizer Schreibenden im Ausland zu antichambrieren gedachte.
Ja, Freunde, so macht man das! Verniedlichung, heißt die Devise, eine Art umgekehrtes Mimikry, keine aggressiven Weltkonzerne wie Nestlé, keine Milliarden-Pharmariesen, keine Globalplayerbanken, nein, nur süße kleine ackermannfreie Bänklein, auf denen sich das düpierte Ausland ausruhen darf und – nachdenken. Köppelfrei. Z.B. über die originellen Buttons an den Revers der Schweizer Schreibenden: „Ich bin 49,7 prozentig“.
Grundgütiger!
Das hat schon bei den Ösis nicht funktioniert, damals, als Haider-Schüssel die Hofburg enterten, vielmehr, unterirdisch zur Angelobung schritten, derweil auf dem Heldenplatz die Vertreter des  „guten, wahren und richtigen Österreich“ der Welt zu verstehen gaben, dass diejenigen, die jetzt regierten, das „falsche, unrichtige, hässliche Österreich“ war.
Nein, mes chers, so funktionierts irgendwie nicht. Und alle wissen das. Im Grunde.
Aber warum, frage ich mich, müssen die Schweizer Schreibenden nun hingehen und im Ausland auf niedlich machen?  Geht’s ums Geschäft? Ist es so schwer auszuhalten, dass sich die Mehrheit der Austeritätsschweizer einmal ein saftiges Ressentiment geleistet hat? Medium rare. Tun sie sich jetzt fremdschämen? Wie ich mich fremdschäme für die Verniedlicher und Antichambrierer-Kollegen.
Warum können die Schweizer Schreibenden ihr Land nicht einfach hassen, wie jeder anständige Wiener auch?
Warum fühlen sie sich verantwortlich für den als Wahl getarnten Shitstorm der Landsleute? Warum glauben sie, versagt zu haben? Irgendwie.
Glauben sie, dass es einen Malermeister aus Schwammendingen und den Innerrhödler Glunggenpuur interessiert, was blutjunge wahnsinnig attraktive Töchter aus linkem Zürcher Immobilienerbenmilieu, wohnhaft zu Berlin, zur Lage der Nation schreiben tun?
Halten sich die Schreibenden für moralische Instanzen? Sozusagen die Alice Schwarzers der „Richtigen Schweiz“?
Ehrlich gesagt: Wurscht.

Was es tatsächlich gibt, ist eine „andere Schweiz“, zumindest was die Literatur angeht. Eine Literatur der Außenseiter, der Anti-Antichambrier, eine Literatur, hergestellt von Leuten denen der edelkorumpierte, sich immer mehr dem Pastoralen hinneigenden Literaturbetrieb am Glutäus maximus vorbeiging und vorbei gegangen wäre, Schriftsteller, die kompromisslos ihr Ding machten.
Ja, diese guten Schweizer Eigenschaften: Eigensinn, Einzelgängertum, Radikalität, Unbestechlichkeit und Freiheitsliebe. Und man muss nicht mal Blaise Cendrars heranwinken, nicht Friedrich Glauser oder Hans Morgenthaler, Robert Walser oder den Ludwig Hohl in seinem Kellerloch (den ich allen ans Herz legen möchte), nein, es reicht, sich den eben bei Suhrkamp erschienen Band von Paul NIzon zu besorgen, diese Exzerpte aus seinen Journalen von 1960 bis in die Nuller-Jahre.


Herrgottsack! Der Mann ist 85 und zeigt noch nicht die kleinsten Ermüdungserscheinungen, immer noch zu Fuß in „seinem“ Paris unterwegs, wo er seit den 70-ern lebt. Kompromisslos, aufrichtig, ehrlich und neugierig, und jede seiner Zeilen ist von wirklichem Leben infiziert. Man liest die Dinger, und eines ist sicher: Man will es selber wieder wissen!

Alors: Lisez Paul Nizon!

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