Songdog singt für: „Mehr war nicht drin“

Ich begegnete den Gedichten von Florian Günther zum ersten Mal im Regionalexpress von Schweinfurt nach Nürnberg. Ich steckte im überfülltesten Zug, den die Welt je gesehen hat und an jeder Haltestelle rückten nochmal massige, schwarze Menschentrauben nach, bis dann im sonnig fröhlichen Haßfurt, ein Punkerpärchen mit Baby zustieg und seinen Kinderwagen  – wie den Korken auf die Flasche – in den Zug drückte.

Die Räder kamen auf meine Füße zu stehen. Und das war gut so. Denn so entstand vor meinem Gesicht eine Lücke, die ich mit Florian Günthers Buch „Mir kann keiner“ füllte.

Was mich erstaunte: Die Stimmung im Zug war kein bisschen gereizt oder aggressiv, eher ruhig, gelassen und freundlich. Solidarisch. Und so stand ich da, die Gedichte direkt auf der Nase und bald wurde mir klar, dass diese Gedichte genau von diesen Leuten hier handelten. Von Alten und Punkern, von Türken und Beamten, von Reisenden, Ausflüglern und Typen mit Bierdosen in den Händen, jungen drallen Frauen in kurzen Kleidern und Mackern im Muscleshirt, von Eltern mit ihren Kindern. Von uns. Und es war in etwa auch die gleiche Stimmung. In den Gedichten, wie im Zug.
Später, im Flugzeug nach Wien, fragte ich mich, ob die Stimmung die ich wahrgenommen hatte, nicht vielleicht eine Projektion von Günthers Gedichten waren? Und wenn es so wäre: So what? Wie genial!

Florian Günthers Gedichte sind verdichtete Kurzgeschichten. Kein Wort zuviel, aber nie karg oder spröde, sondern immer prall und voll Leben. Nie belehrend. Jedes Wort hat seinen eigenen Sound, und wer ein bisschen Ahnung vom Schreiben hat, weiß, wieviel Arbeit hinter diesem scheinbar mühelos Hingworfenen steckt.

Letztes Jahr hat Florian Günther einen wunderbaren Fotoband (Reisen ohne weg zu müssen) herausgebracht, und gerade eben ist im Peter Engster Verlag ein weiterer Gedichtband erschienen. „Mehr war nicht drin“, 74 Gedichte.

Eins ist sicher: er ist noch besser geworden. Als Dichter, und vermutlich auch als Berliner und Friedrichshainer. Klarer, und einen Tick weicher, und freundlicher. Aber immer noch zeigt er uns die Dinge und Typen und Frauen wie sie sind, und indem er sich eines Urteils enthält, wird klar: Dieser Mann ist nicht nur ein Dichter, sondern auch ein Menschenfreund, ein Humanist. Er versteht uns. Und mich erinnert jedes Gedicht daran, dass ich mich verdammt noch mal zu bemühen habe …

Florian Günther
„Mehr war nicht drin“
74 Gedichte

Verlag Peter Engstler, 2013
128 Seiten, Broschur

Preis 14,80 Euro
ISBN 978-3-941126-53-4

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