Endlichkeit

Heute im Geisteszentrum: Neben mir, auf der Nachbarsbank, liegt ein Kerl und ist mit einer 100 Kg-Hantel zu Gange. Wie ich. Er ist ein Vierteljahrhundert jünger und einen halben Zentner leichter, er sieht ungleich viel besser aus, obschon er lange Trainingshosen trägt, was ihn als Beintrainingsverweigerer ausweist, als einer jener Figuren, die im Schwimmbad immer bis zur Hüfte im Wasser stehen, weil sie genau wissen, dass nur ihr Oberkörper herzeigbar ist, und die Stanitzelbeinchen eher nicht. Wenn sie das Wasser verlassen, tun sie es schnell und sie greifen ebenso schnell zum großen Handtuch, um damit ihre mickrigen Storzen zu verhüllen.

Trotzdem, beim Bankdrücken ist mein Vorsprung nur noch hauchdünn, ich schaffe noch eine oder zwei Wiederholungen mehr, aber bei mir ist die Sache langsam ausgereizt, und ich muss mich wieder mit der Endlichkeit aller Dinge – und meiner im speziellen – auseinandersetzen.

Ich mag die Endlichkeit nicht besonders. Ich empfinde sie als Schmach. Ich werde schlecht damit fertig. Sie macht mich böse.

Auf dem Weg nach Hause, denke ich an die Philosophen, an Sokrates („Die Richter haben mich wohl zum Tode verurteilt, aber das Leben hat SIE auch zum Tode veruteilt!“), an die Stoiker, die sich in Gelassenheit übten, an Montaigne in seinem Turm, wie er während des Schreibens auf die nächste Nierenkolik wartet, und täglich an seinen Tode dachte, wie ich; an Camus und seinen Sysiphos, der sich richtig gut fühlte während er nach unten ging, um seinen Stein wieder hochzuwälzen.
Aber etwas entscheidendes war ihnen allen nicht eingefallen. Und mit entscheidend meine ich, dass sie etwas gefunden haben, um der Endlichkeit zu trotzen.

Es sieht nicht danach aus, als würde mir dazu etwas bahnbrechendes einfallen. Zumindest nicht heute.

Dann querte ich die Favoritenschlucht mit meinen zittrig trainierten Beinen, spürte ein Ziehen im Pectoralis major, links und rechts, ignorierte den Bettler am Eingang des Supermarkts, ging rein und kaufte für die Familie Essen ein. Damit die Endlichkeit noch ein bisschen andauere.

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