REISEN OHNE WEGZUMÜSSEN

Vor vielen Jahren besaß ich einmal Robert Franks Fotoband „The Americans“. Es war der einzige Fotoband den ich jemals gekauft habe, abgesehen von einem Versehen, das jetzt in meinem Regal steht, „Boxen“ heißt und farbige Fotos von, ja, von was wohl?, von Boxern, von Weltmeistern, zeigt.
Die Fotografie und ich, wir sind eindeutig keine Freunde. Das mag damit zusammenhängen, dass ich nichts sehe oder es zumindest sehr lange dauert, bis sich die Welt mir visuell offenbart, ich habe nicht diesen „Blick“, und Menschen würde ich schon gar nicht fotografieren, jawohl, die schon gar nicht …

Aber jetzt besitze ich wieder einen Fotoband, und ich bin froh darüber.
Es ist die Arbeit des Berliner Dichters, DreckSack-Herausgebers und Fotografen Florian Günther, er trägt den Titel: „Reisen ohne wegzumüssen“. Fotografien von 1984-1994
(Edition Lükk Nösens)

Will ich mich jetzt auf die Äste hinauslassen, und etwas zu den Fotos sagen? Als Blinder, sozusagen? Nein, will ich nicht. Ich will etwas zu dem Buch sagen. Denn Florian Günther hat es verstanden, zusammen mit seinen Mitmachern, ein Buch vorzulegen, das auch einen „Nichtsseher“ wie mich berührt.

Marvin Chlada hat mit dem Autor ein langes Interview geführt, das sich über die ganzen 300 Seiten erstreckt, die Fotoarbeiten unterbricht, sie kommentiert, nach der Entstehung einzelner Aufnahmen fragt, und uns, die Leser/Seher, aufs beste unterhält, informiert und uns nachdenkend zurückblättern lässt, auf dass wir das eben Gesehene nochmal neu sehen.
Und während wir dem Ostberliner Raconteuer Günther aus Friedrichshain zuhören der seine Abenteuer vor uns ausbreitet, bewegen wir uns in diese, seine Welt, die nicht untergegangen, aber sich weiter nach Südosteuropa zurückgezogen hat, von wo uns z.B. Andrzej Stasiuk in seinem „Unterwegs nach Babadag“ berichtete oder eben der Dichter Günther himself in seinen Gedichten, die eigentlich nichts anderes sind, als diese Fotografien in Worten. (In den genauesten und lebendigsten Worten, die es dafür gibt.)

Als ich hinten auf Seite 302 angelangt war, fühlte ich mich gut. Warum? Weil es erstens ein Buch ist, das alles hat was ein gutes Buch braucht um ein verdammt gutes Buch zu sein, und zweitens, weil uns hier ein wahrer Menschenfreund bei der Hand nimmt und uns zeigt, dass arm nicht armselig,  heruntergekommen nicht erbärmlich, und kaputt nicht trostlos ist.

Nach diesem  Buch will man wieder ein guter Mensch sein.

Florian Günther, REISEN OHNE WEGZUMÜSSEN ( Fotografien 1984-1994)  Edition Lükk Nösens  € 20.-

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