Kurzroman (3)

Als ich oben die Tür hörte, hatte der Verleger bereits aufgelegt, aber seine Worte hallten noch nach, ich hatte dieses Gefühl, spürte sie schmerzlich in meinem Gehörgang, und jetzt drang durch die geöffnete Tür der Straßenlärm, ein Trambahnfahrer der die Glocke schrillen ließ und – vermutlich – einen Rentner mit Rollator von den Schienen scheuchte, der, vom Männerheim kommend, die Porzellangasse queren wollte.
Ja, die Porzellangasse in Wien. Unweit von der Strudelhofstiege, die der Nazi Heimito von Doderer in seinem wulstigen, berühmten Buch beschrieben hatte. Er wurde hier sehr verehrt. Von den einen wegen ersterem und von den anderen wegen beidem und von den dritten – und das waren meine Lieblinge, weil er adlig war.
Die Schritte auf der Treppe hörten sich nach Frau an: Leicht, trittsicher, holzhart.
Dann stand sie vor mir. Sie trug ein Kopftuch und redete französisch. Französisch? In Wien.
Ich hatte schon lange kein französisch mehr gehört, und die weichen Silben mussten in meinem Ohr erst die ganz und gar inakzeptablen Verlegersprüche auf dem Amboss weich klopfen. „Schreib endlich einen Thriller, Sauser!“
„Jamais!“, sagte ich, „Jamais!“
Die Frau, eine Magrebinerin, sah mich unsicher und etwas erschrocken an.
Warum kam sie hierher? In dieses Loch? Wer schickte sie? Was wollte sie?
Es war egal. Ich würde ihr alles geben, was sie begehrte.
Nach Heimito von Doderer war doch eh schon alles wurscht…

4 Antworten auf „Kurzroman (3)“

  1. Ich glaube, das Doderer-Buch, das ich gut fand, ist „Ein Mord, den jeder begeht“ oder so ähnlich. Nur um zu betonen, dass das hier ein Literatur-Blog ist. Und Sport, eh klar – bzw. wie unsere Lieblingssendung im bayrischen Rundfunk heißt an jedem gottverdammten Samstagnamittag: Jazz und Politik.Mit Al Pacino.

  2. Ich dagegen bin total überrümpelt davon, dass Doderer ein Nazi war. wusste ich nicht. Hab was von ihm gelesen, das ich gut fand. Aber Titel und alles vergessen. Mir fällt ein, dass er der, ich glaube einzige arrivierte Alte war, der die Wiener Schule um Konrad Bayer sowohl verteidigte als auch irgendwie förderte. Was ja kein Widerspruch sein muss (vgl. Giacometti in Italien; aber der Faschismus in Italien war anders als der deutsche; sie waren umnietenswerte Drecksäcke, aber soweit ich weiß, wären sie nie auf die Idee gekommen, die Juden vernichten zu wollen). Anyway – das alles ist nebensächlich, ich möchte, dass diese Serie hier zu unrecht „kurzer Roman“ heißt. Das ist der Fall, wo ein schlimmes Mädchen wie ich etwas mehr Länge besser findet.

  3. ja, ich habe mir die lektuere der strudelhofstiege immer aufgespart, bis ich endlich in wien war, um auch das entsprechende ambiente zu haben. aber wie enttaeuscht war ich dann von diesem aufgeblasenen und nichtssagenden, sehr geschwaetzigen roman, der viel zu ueberschaetzt ist. weswegen, ist mir schleierhaft. dick ist er und allenfalls noch von bedeutung fuer das historische studium des kleinbuergertums und des verarmenden adels…

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