Ja, so ist es. Traurig, eben.

Unsere Häsin, von den Mädchen „Spitzi“ genannt, ist 8 Jahre alt und wird heute oder morgen sterben. Sie hat sich in ihr Häuschen zurückgezogen und will nicht mal mehr den Petersiliestengel fressen, den ich ihr hingelegt habe. Man muss wissen, dass Hasen für Petersilie, einen Mord begehen würden.

Spitzi ist das mutigste Tier, das ich kenne. Sie würde einen Tiger angreifen, wenn der ihr zu nahe kommt. Sie hat uns alle hier schon mal gebissen und sie wurde nie wirklich ganz zahm. Sie ist ein richtiges Tier.

Und ich muss zugeben, dass mir, während ich dies schreibe, die Tränen kommen. Ich weine. Und als Schriftsteller weine ich im Voraus, bevor das traurige Ereignis eingetreten ist. Ich weine bei der Vorstellung des zu erwartenden. Denn es wird geschehen. Und dann werden die Kinder kommen, und es wird sehr traurig werden, und ich werde sie trösten müssen, wissend, dass es auf dieser Welt keinen Trost gibt und schon gar keinen der Worte.

Aber es sieht so aus, als würden die Tiere in ihrem Leben nicht durch das Alter gedemütigt. Sie leben, und dann sterben sie. Ohne künstliche Hüftgelenke, Viagra, Leberzirrhosen, Brillen, Rollatoren, Bypässen und Windeln.

Hier ein Abschnitt aus meinem ersten Roman „SAUSER“ von 1987. Hat sich nichts geändert. Zumindest nicht, was die Tiere anlangt:

Als dann aber alle meine Tiere vor der Sennerei zusammen getrieben waren, und ich die Herde Perdi übergab, musste ich ein paar Mal leer schlucken. Die zwei Kälber, die mich in ihr kreatürliches Herz geschlossen hatten, leckten mir ein letztes Mal die Hände und ich rief ein allerletztes Mal meinen Lockruf und die siebzig Tiere antworteten mit Muhen und Blöken.

„Sie geben dem Hirten Antwort“, sagte Perdi beeindruckt, und ich spürte dieses Würgen im Hals, diesen Kloß, und ich verdrückte mich wie am ersten Tag in den Schuppen und wischte mir die Tränen von der Wange. Dann ging ich wieder zurück und sah zu, wie die Bauern die Herde in Bewegung setzten. All diese Kälber und Rinder, all die Schwänze und Hörner, die feuchten Schnauzen und die Sandpapierzungen. Traurig, traurig. Und ich dachte daran, wie oft sie mich genarrt und geärgert und gereizt hatten, ich dachte an all den Hass und die Schläge mit denen ich mich an ihnen gerächt hatte, aber es wurde nicht besser. Sie waren mir ans Herz gewachsen.

Ich sah ihnen nach, bis sie verschwunden waren. Erst dann packte ich meine sieben Zwetschken zusammen. Der Abschied von der Alpcrew rührte mich weniger. Ich schüttelte allen die Hände und ging.“


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