Worte. Viele Worte.

Ich lese gerade ein Buch, das ein Film sein möchte (und eigentlich einer ist!).
Es ist ein dickes Buch. Ein verdammt dickes Buch. 800 Seiten à 36 Zeilen.
Ich misstraue dicken Büchern. Für einen Freund von mir, ist Dicke gleichbedeutend mit Güte. So irgendwie. Er würde dieses Buch lieben, in dem man andauernd auf solche Sätze stößt: „Mit schlafwandlerischer Sicherheit führt Gary seinen Kumpel durch den dunklen Flur, dreht sich um und greift nach dem runden Handlauf des Treppengeländers. Einen Moment lang hält er inne, genießt die Erinnerung an die angenehme Rundung.“

Gut. Viele Worte. Aber warum? Und wie muss ich mir das vorstellen? Wenn Gary sich umdreht und „inne hält“, was macht da sein Kumpel? Lascht der in ihn rein? Oder kann er vorher noch abbremsen? Und was ist eigentlich „schlafwandlerische Sicherheit“? Ich weiß nicht, was Schlafwandler tun, wenn sie  in Aktion sind. Und wie kann man eine „angenehme Erinnerung“ an die Rundung eines Handlaufs „genießen“, und will ich das wirklich wissen? Und vor allem: warum ist all das wichtig?
Ja, ich weiß, ich bin deppert. Aber das Buch ist dick und andauernd bleib ich an solchen Sätzen hängen. Ich werde Jahre brauchen, um es zu lesen.

Ich bin ungerecht. Da bemüht sich ein Autor, die Hölle eines Drogenviertels zu schildern, das Leben eines Dealers und Junkies inmitten von Müll und Wahn, und ich mäkle an Sätzen rum. Das ist nicht fair.
Aber so ist es eben: Im Leben und im Lesen gibt es keine Gerechtigkeit. Und im Fußball auch nicht. Nicht mal beim Boxen. Genaugenommen, nirgends.

Das ist schmählich. Das ist Schmach. Darum gefallen mir die Arbeiten des Künstlers Julius von Bismarck, der Berge und Ozeane peitscht, so gut. Er versucht, ganz allein, mit der Schmach ein Mensch zu sein, fertig zu werden. Das ist, irgendwie, heroisch.

Ich weiß nicht, was ich mit dem Buch machen soll. Ich verstehe nicht, von wo sich ein Autor so viele Worte besorgt. Als würden sie auf Bäumen wachsen.
Ray Chandler sprach sich einmal gegen das Diktieren von Texten aus. Er war der Meinung, dass, wenn der Autor die Worte selber hinschreiben musste, er dafür sorgen würde, dass sie auch Gewicht haben. Der gute, alte Ray. Heute gibt es nicht mal mehr Schreibmaschinen. Und keiner hat mehr Zeit.
Darum gilt immer noch Harry S. Trumans Antwort auf die Kritik, an seiner etwas lang geratenen Rede: „Sorry, aber ich hatte keine Zeit mich kürzer zu fassen.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.