Bettlersonntag

Ich bin immer wieder erstaunt, was mir auf dem 15 Minuten Weg ins Geisteszentrum wiederfährt, was ich entdecke, was mir auffällt. Dieser Weg ist mitunter der einzige den ich gehe, aber dafür tagtäglich und immer mit Freude, denn beim Hinweg erwarte ich das Training, und beim Zurückgehen habe ich es hinter mir und bin so gelassen, wie man es nur nach körperlicher Verausgabung sein kann. So löscht man Stress, Freunde.

Gestern traf ich auf dem Rückweg, Ecke Blechturm-/Rainergasse auf eine Gruppe Roma. Es war Sonntagmorgen früh, vor 9. 3 Frauen, 2 Männer, alle wunderhübsch aufgeziegelt, früher sagte man Sonntagsstaat dazu, schwarzer Samt, als wären wir in einem Gotthelf-Film, weiße Hemden und bei den Frauen eine Menge gleißendes Geschmeide. Sie unterhielten sich laut auf rumänisch, mit ihren lauten und tiefen Stimmen, die immer so klingen, als hätten sie mächtig Zoff. Aber sie lachten. Und ich kannte sie. Alle. Es waren die Bettler, die mir tagtäglich im Grätzel begegneten, „unsere“ Bettler vor dem Billa, Spar, Zielpunkt, Hofer und auf der Bank in der Favoritenschlucht. Ja, es war Sonntag. Sie hatten frei. Vielleicht gingen sie gerade zur Messe. Was weiß ich schon von Roms?

Es ist ein erstaunliches Volk. Seit Jahrhunderten ziehen sie durch die Lande, durch unsere Zivilisation, immer ihren eigenen Gesetzen gehorchend. Sie würden auch in unseren Ruinen genauso weiterleben wie jetzt, sie hätten kein Problem damit, es würde sich nichts ändern für sie. Und das, finde ich, ist schon ziemlich bemerkenswert, mehr noch, es ist verstörend und irgendwie, ja, cool.

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