Der Humanist

Es muss einfach gesagt werden: Wenn Wien im Juli und August keine Hitzewelle durchmachen muss, ist es richtig gut hier. Man sieht wieder mal Lücken in den endlosen Barrikaden der geparkten Autos, man denkt sich, hey, was ist denn hier los?, und dann fällt einem ein, dass Schulferien sind. 2 Monate lang.

Die Touristen krebsen für Gotteslohn durch den 1. Bezirk und begaffen den klassizistischen Mist. Aber hierher verirrt sich höchstens mal ein Italienisches Pärchen, das in fürchterlichem Englisch nach dem Belvedere fragt, und dem ich in meinem besten Italienisch eine Wegbeschreibung liefere. Auf dass sie denken mögen, wir alle hier sprächen leidlich gut italienisch, und dass sie sich nicht mehr so scheiße fühlen, wenn der gemeine Austriake, Germane oder Helvetier mit seinem heimatlichen Idiom, bei ihnen zu Hause einfällt.

So bin ich eben: Immer um Ausgleich bemüht. Um Gerechtigkeit. Immer auf der Hut, damit der andere sein Gesicht wahren kann, freundlich, hilfsbereit wie ein Pfadfinder, zuvorkommend, gütig lächelnd und gemessenen Schrittes das Geisteszentrum aufsuchend. So kennt man mich hier.
So wird der wuchtige Mann allerseits respektvoll gegrüßt, wenn er wieder mit dem Einkauf für die Familie des Weges kommt: Der Kneipier, der Schuster, die Frisörin, die Kassiererin im Supermarkt, der alte Bettler und die kauernde Bettlerin mit dem Styroporbecher voll Münzen, alle.

Das ist der Misantroph at his best: Wo der Mitmensch sich rar macht, zeigt er sein wahres Gesicht. Er ist eigentlich Humanist. Wie der Pornograf Puritaner.

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