Videobeweis für mein Leben

Gut, der Sack war über der Linie. Na und? Hat der Torrichter halt nicht gesehen. Oder wollt’s nicht sehen. Aber warum soll’s dem Fußball besser gehen als uns, die wir nicht spielen sondern leben müssen, mit all den Ungerechtigkeiten, der Unfairness, der Übervorteilung, der Demütigung, der Schmach, dem Tod und verlogenen österreichischen Politikern. Wenn die im Fußball den Videobeweis einführen, dann kuck ich erstens nicht mehr, und zweitens fordere ich den Videobeweis für’s Leben. Für mein Leben.

Dann könnt ihr sehen wie ich schufte und tue, wie ich trainiere und schreibe und einkaufe und für einen verdammten Haufen Kinder koche, wie ich freundlich E-Mails beantworte, Aussendungen gestalte, Bücher setze und Manuskripte lese, wie ich Türen repariere, Waschmaschinen, Schuhe, Brillen und Kinderspielzeug, wie ich Glühbirnen wechsle, abgeschmetterte Gesuche in den Mülleimer stopfe und Löcher in meinen Hosen, wie ich den Müll runtertrage und die tausend Flaschen, die ich jeden Abend leer mache, in den Glascontainer knalle, und wie ich vor dem Einkauf meine Groschen umdrehe.

Das könnt ihr mit dem Videobeweis sehen. Und dann halte ich meinen Steuerbescheid in die Kamera. Da könnt ihr erkennen, was mir das alles einbringt. Das habt ihr davon, ihr Videobeweisforderer! Das wird euch eine Lehre sein. Und ihr werdet demütig zu den Ungerechtigkeiten des Fußballs zurückkehren, und euch nie mehr darüber beklagen.

Und noch immer stimme ich dem schottischen Trainer William «Bill» Shankly vollauf zu, der da sagte: «Es gibt Leute, die denken, Fussball ist eine Frage von Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich kann ihnen versichern, dass es noch sehr viel ernster ist.»
Für sowas gibt es keinen Videobeweis.

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