„Überleben ist alles. Man weiß nie, wozu es noch mal gut ist.“

Das erste und auch – wie wir jetzt wissen – das letzte Mal, dass ich Carl Weissner begegnete, war anlässlich seiner Lesung aus dem Roman „Manhattan Muffdiver“ im Wiener Funkhaus. Wir hatten uns verabredet, denn ich hatte ihn, und den Berliner Dichter Florian Günther – über den Weissner völlig zu Recht schrieb: „Ich sag’s ja schon immer, von den Ex-DDRlern kann sich mancher vormachen lassen, wie es geht.“ – zu einer Lesung an den Bodensee eingeladen.

Ich sprach ihn an, als er sich durch das brechend volle Funkhaus-Café zwängte. Ich war nervös. Er war ja nicht nur Carl Weissner. Er gehörte zu meinem eigenen Leben, wie die Autoren die er übersetzt hat. Dylan, Bukowski, Algren, Ginsberg, Bourroughs. Er war Dylan, Bukowski, Algren, Ginsberg und Bourroughs. Als er dann vor mir stand, war ich beeindruckt. Er wirkte austrainiert, breitschultrig, ein „Bulle“, mit dem man sich besser keinen Ärger einhandelte. Auch in seinen Siebzigern nicht. Er sah aus, als würde er das Hanteltraining ebenso schätzen wie ich selbst.

Da standen wir, und wechselten ein paar Worte über gemeinsame Bekannte und die Lesung. Er war sehr freundlich, wie schon am Telefon, hilfsbereit, interessiert.

Ich dachte daran, welche Erschütterung und Freude sein Vorwort zu Bukowskis „Gedichte die einer schrieb bevor er im 8. Stockwerk aus dem Fenster sprang“ in mir auslöste. Damals. In den siebziger Jahren. Als hätte einer die deutsche Sprache neu erfunden: Klar und stark, mit Zug auf’s Tor, frei von Ballast und Gefühlserei, dem Abenteur zugeneigt. Und Weissner war es auch, der mein Lieblingsmotto für harte Zeiten geschmiedet hatte: „Überleben ist alles. Man weiß nie, wozu es noch mal gut ist.“

Als er sich dann wieder zu den Leuten vom Milena Verlag gesetzt hatte, und Wolf Wondratschek herbeigetänzelt kam um sich den Roman signieren zu lassen, fiel mir ein Satz aus seinem Interview in der „ZEIT“ ein. „Ich schreibe an drei Romanen. Gleichzeitig. Ich habe nicht mehr ewig Zeit.“ Das ist ein Schmäh, Carl Weissner, sagte ich zu mir, du hast noch alle Zeit der Welt.

Überleben ist alles. Man weiß nie, wozu es noch mal gut ist.

Jetzt wissen wir es. Und es gefällt mir nicht.

P.S. Hier noch der Link zum Nachruf von Kollege und Freund Franz Dobler:

http://www.jungewelt.de/2012/01-27/012.php

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