Block Nr. 499

GRIECHISCHE GESCHICHTEN 3

In Gythion mietete ich ein Zimmer, und als ich den Fensterladen öffnen wollte, sah ich, dass das Fenster ein Fake war. Ich war eingemauert. Die hatten einfach zwei Läden und einen Fenstersturz auf die wand geschraubt. Ein beschissenes Gefühl. Ich hatte noch nicht bezahlt und konnte fliehen. Die Vermietervettel hatte kein Verständnis dafür, dass ich nicht in einem fensterlosen Raum nächtigen wollte. Ich ging in ein Lokal am Hafen und bestellte einen 20-Sterne Metaxa, und der Wirt wollte mir einen ranzigen Raki andrehen. Als ich reklamierte schrie er auf Deutsch, dass er kein Betrüger sei. Ich ließ mich nicht beeindrucken. Und dann schenkte er mir den Fusel, so, dass es alle im Lokal hören konnten, aber ich ließ ihn natürlich stehen.

Ich freundete mich mit dem jüdischen Besitzer eines Reisebüros an, und er riet mir mit dem Taxi zum Strand zu fahren. Er sagte mir auch, was es kostete. Und so war es auch. Ich fuhr mit dem Taxi zu Strand, und ließ mich wieder abholen. Ich bezog ein überteuertes Zimmer, und sah einem Typen zu, der hingebungsvoll einen riesigen Kopffüßler auf die Hafenmauer klatschte. Immer wieder. Bis er reif für den Grill war. Der Kopffüßler.

Am nächsten Tag stieg ich in die Fähre nach Castello (Kreta). Beim Halt in Antikithyra enterte ein Clan Zigeuner das Schiff. Die Männer hockten sich auf den Boden und nahmen ihr unterbrochenes Kartenspiel wieder auf. Die Kinder strichen mit hungrigen Augen um mich herum, und ich gab ihnen meine Bananen und den Rest des Obst. Sie schoben es in die Laube wie Soldaten Patronen ins Magazin. Als ich auf Deck ging, nahm ich meine lächerliche Tasche mit. Es war einfach besser so.

Mitten in der Nacht erreichten wir den Hafen von Castello. Wir gingen von Bord. Einige Autos warteten. Die Zigeuner schwangen sich auf ihre Pritschenwagen mit den tausend bunten Plastikeimern, die sie zu verchecken versuchten. Innerhalb von 3 Minuten war ich allein in der Dunkelheit und sah den letzten Rücklichtern der Wagen nach, die die anderen Passiere abgeholt hatten. Nur mich holte niemand ab. Es war zwei Uhr morgens, als im Zentrum ankam. Völlig leere Straßen. Nirgends ein Hotel. Ich schnürte durch die Hauptstraße und traf auf zwei angenudelte Nachtschwärmer, die mir verrieten, dass der Ort doch ein Hotel hatte. Ich fand es. Es war ein großes Hotel. Die Rezeption war leer, aber als ich klingelte erhob sich ein alter Kerl von einem Sofa und kam rübergeschlurft. Er gab mir einen Zimmerschlüssel und ich fragte ihn, gythionmäßig, ob ich gleich zahlen soll. Da blickte er mir außergewöhnlich lange in die Augen, und meinte, dass ich das morgen beim Auschecken erledigen könne. Nach der Gythionscheiße war das Vertrauen eine Wohltat. Er hielt mich für eine ehrliche Haut. Irgendwie hatte er auch recht.

(Diesen Blog schrieb ich wie Uwe Johnson)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.