Block Nr. 494

Einen guten Steinwurf (vermutlich schreibe ich heute wie Schiller oder Fontane) vom Geisteszentrum entfernt, hockte eine russische Saatkrähe auf einem Mistkübel (gab’s vermutlich zu Schillers Zeiten noch nicht) und zupfte und zog an einer prallen Tüte von „Burger King“, die sie durch die schmale Öffnung zu kriegen versuchte. Schlaues Kerlchen, dachte ich, und ging im Abstand von 2 Metern an ihr vorbei, und da äugte sie mich aggressiv an, wie so’n Homie der gerade ne Schlampe in der Mache hatte (das wird kein Schiller nicht), und sah so aus, als würde sie mich lieber angreifen als die Tüte zurückzulassen. Scheißausländer, dachte ich, aber dann fiel mir ein, dass ich ja auch ein Scheißausländer bin, und darum fand ich sie wieder gut, die russische Saatkrähe, vor allem, dass sie sich ihr Futter aus dem Mist besorgte und nicht die kleinen Eier der kleinen Spatzen aufhackte und fraß, die Eier einer Vogelart, die bereits am Aussterben ist, und ich fragte mich, wann ich zum letzten Mal so eines Spatzes leibhaftig ansichtig geworden war (vielleicht wird’s doch Schiller?), und da fiel mir echt nichts ein, und da wurde ich traurig, und ging traurig nach Hause und erzählte den Kindern die Geschichte von der Krähe, die sie erst lustig fanden, bis ich ihnen auch die Kiste mit den Spatzen öffnete, und da hassten sie die Krähen inbrünstig, und sie beschlossen, für den Winter ein Vogelhäuschen zu bauen, eins, wo auch die Dreckstauben nicht reinkämen, weil so Dreckstauben eben auch Spatzenkiller sind, und wir sassen da, und hassten alle zusammen diese Scheißkrähen und Dreckstauben, weil sie die Spatzen aussterben machten.

Mal sehen, was aus dem Vogelhaus wird…

(Es wurde in der Tat kein Schiller, aber trotzdem nichts Geringeres als Friederike Mayröcker. Sapperlot, Alter!)

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