Das Begräbnis

Mein Bruder Martin rief aus Kiew an. Es war genau 7 Uhr14, 26. Juli 2011. Er sagte: „Der Vater ist tot.“ Ich sagte auch etwas. Vermutlich etwas Banales, wie es so meine Art ist, dann legte ich auf und machte mich fertig für das Geisteszentrum, um Gewichte zu stemmen. Das Klischee stimmte auch diesmal: Die Welt erschien mir seltsam gedämpft, andere sagen, wie in Watte gepackt, aber ich fand, es war gedämpft, nicht mehr so laut und wichtig, eher normal, und so, wie sie eigentlich sein sollte, die Welt.

Ich stemmte die gedämpften Gewichte und ging wieder nach Hause. Als ich dann meine Mutter anrief, es war 9 Uhr irgendwas, war mein Bruder Daniel dran, und im Hintergrund hörte ich die Stimme meiner Mutter, die mit jemandem sprach. Später erfuhr ich, dass es der Bestatter gewesen war. Der Vater war um 2 Uhr nachts im Spital gestorben, und um 9 Uhr war der Bestatter in der Wohnung und regelte den Beerdigungskram. Einäscherung, Urnenaufbewahrung bis zur Bestattung, Trauerkarten und Anzeigen, alles im Paket, und da es in der Schweiz war, fragte ich mich eine Sekunde lang, ob die MIGROS auch bereits Bestattungen im Angebot hatte, vielleicht MIGROS BUDGET-Beerdigungen, warum nicht?, denn in diesem Augenblick erschien mir der tote Mensch im Allgemeinen, als reines Entsorgungsproblem. „Verpackung kann an der Kasse zurückgegeben werden“. Aber wo war die nur die Scheiß-Kasse?

Mein Bruder Daniel erzählte mir, wie es war, als er den Vater zuletzt gesprochen hatte, kurz nach einer weiteren OP. Nur noch OP’s und Agonie, gewindelt und harnleitergeschläuchelt, die Plastikurinsäcke an den Oberschenkeln, heftiges Paket an ewigen Schmerzen, beinahe 83 Jahre, klar im Geiste und nicht willens den Löffel aus der Hand zu legen. Und auch für ihn galt Epikurs Wort: „Ein jeder Mensch stirbt, als wär er eben erst geboren.“ Das Leben ist kurz, und den Irrtum der Jugend, dass im Alter der Abgang leichter sein soll, erkennend, lieferte er dem Tod einen langen Kampf, und ich glaube nicht, dass er friedlich einschlief, verdammt, warum sollte man auch? Sterben ist eine Zumutung, eine elende Beleidigung, und da können sie kommen mit ihren Sprücheleins, von wegen, gehört zum Leben: Sterben ist eine gottverdammte Kränkung, und nur Hiobs Tod (alt und lebenssatt) ist hinnehmbar, der Rest der Tode gehört bekämpft, und zwar bis aufs Messer.

Ich zumindest hätte meinem Vater einen Marlon Brando Tod (im „Paten“) gegönnt: In den Tomatenstauden, dem Enkel hinterherhaschend, vom Kasper niedergerissen. War er denn nicht der leidenschaftlichste Gärtner und Großvater gewesen? Aber das Herz, das ewig kranke, war dann doch stärker als die anderen Organe die nach und nach versagten. Wie töricht, sich seinen Tod vorzustellen oder den eines anderen. Nun denn, wieder was gelernt.

Beim Begräbnis waren sie dann alle da. Die Überlebenden, die Onkel und Tanten, die Schwager und Schwägerinnen, der Bruder, die Schwester, die Schwiegertöchter und die Enkel und die Freunde und die Bekannten. Die Kirche füllte sich wie wohl kaum an einem gewöhnlichen Sonntag, obschon katholische Kirchen in rein protestantischen Ecken nicht so ein Füllungsproblem haben wie in Ländern, wo selbst das Smegma des Teufels katholisch getauft ist.

Und aus den, in meinen Augen nach Leid suchenden Blicken der Kondolierenden, zog ich die Erkenntnis, dass der direkt Beteiligte an einem „Trauerfall“ bereits ganz wo anders ist, leidmäßig zumindest, wie der Kondolierende der erst vor wenigen Tagen vom Hinscheiden erfahren hat. Ich empfand den Wunsch, die mir Beileidanwünschenden zu trösten, und als wir in der Kirche saßen, empfand ich gar nichts mehr. Der Pfarrer stammte aus Indien, was ich hervorragend und passend fand, weil mein Vater sich darüber vermutlich nicht gefreut hätte. Der Mann mit der etwas dunkleren Gesichtsfarbe sprach dann unseren Namen nicht als Niedermann, sondern irgendwie englisch aus, nämlich „Nidermähn“, was mir auch ausgezeichnet gefiel, und irgendwie satirisch rüberkam, zumal meine feinen Brüder sich am Abend zuvor in einer „Inderparodie“ gefallen hatten und auch zu gefallen wussten. So sind die Abende vor Begräbnissen. Zumindest bei uns.

Als ich so im Kirchenbank saß, wünschte ich mir, ich könnte wieder so katholisch sein wie ich es mit drei und vier und fünf Jahren war, und die Fresken an der Kirchenwand bestaunt und studiert hatte, den hl. Georg, wie er vom Pferd aus, mit einer Lanze dem Drachen den Rachen putzte, und all die andern farbigen Bilder, die so kurzweilig anzusehen waren; als es noch lateinische Messen gab und es gut roch und rauchte, und es immer wieder bimmelte und schellte. Aber so war es nicht mehr, lange nicht mehr, und danach hatte ich in der Kirche nur noch gelitten, an Langeweile und an meinen wollenen, grauen Hosen die juckten und kratzten und mir das sonntägliche Leben vergällten, bis hin zu jenem Tag, an dem ich dann verschwand, aus der Kirche, aus dem Ort, und dem Leben dieser Leute, denen Wollstoff auf der nackten Haut nichts ausmachte.

Die Messe schwappte über mich hinweg ohne mich zu berühren und zu benetzen. Ich kannte den ganzen Schmu auswendig und er langweilte mich noch immer, wie seit Jahr und Tag, und gegen Langweilige kann man nichts machen. Zur Kommunion ging ich auch nicht, trotz der Aufforderung meines riesigen kleinen Bruders, denn, zumindest in meiner Welt, ging man nicht einfach zur Kommunion, zumal man nicht gebeichtet hatte. So sah ich die Sache, konservativ, wie ich eben bin. Dafür sah ich die Trauergäste vorbeiziehen und die Hostie in Empfang nehmen. Ähnlich dem „Siechenzug“ beim Wienermarathon bei Kilometer 20 nach zweieinhalb Stunden. Die Körper von Menschen, im Wohlstand jeder körperlichen Arbeit entwöhnt, no sports, aber beste Nahrung die man für Geld bekommen konnte. Da war mein Vater anders gewesen: Gerader Rücken, das Leben lang zu Fuß gegangen, und die Gartenarbeit hatte seine Muskulatur und das Skelett hervorragend in Schuss gehalten, aber was soll’s, wir wissen ja wie es endet.

Als ich dann zwischen meinen Töchtern saß, die eine in Tränen aufgelöst, und die Kleine in hilfloser Trauer die Hände gefaltet, Augen geweitet und auf die Urne blickend, da spürte ich es auch. Aber als Fluffi, der kleine Hase, auf den Knien meiner Frau, im Beisein der Familie starb, war es bedeutend trauriger gewesen, und nachher hatten wir uns nicht die feinen Butternüdeli mit dem Schweinsmedaillon oder so gegeben, drüben, im Interlaknerhof.

Als die Urne auf dem Friedhof in die Nische gestellt wurde, hätte ich anstatt des Weihwassers lieber eine Schaufel Erde mitgegeben. Als katholischer Agnostiker hat man es nicht so mit dem Weihwasser, sonder eher mit dem Zeug, das mal aus uns wird: Landschaft.

Aber ich tat es dann doch nicht, sondern schüttelte etwas Wasser vom Zweig, stand dann an der prallen Sonne, schwitzte, und wartete auf den Abmarsch zum kühlen Bier. Wie alle anderen auch.

Fortsetzung folgt…

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