Zack, eine Amsel

Ich saß im Biergarten und wartete auf meine Lesung. Es war ein schöner Tag, ein schöner Biergarten mit schönem Bier und freundlichen Menschen. Einige Hunde waren auch dabei, aber nicht so viele, dass ich mich ekeln musste. Ein Spazierweg teilte den Garten, und eine Menge Ausflügler pilgerten zwischen den beiden Biergartenteilen durch. Schwule Pärchen in Nike-Hiking-Klamotten, Familien mit Kinderwägen in der Preisklasse von drei gut bezahlten Lesungen nach dem AdS-Lesehonorarschlüssel, Joggerinnen mit hüpfenden Brüsten und Jogger mit hüpfenden Brüsten, aber, und das fiel mir seltsamerweise auf: Keine Nordic Walker. Interessant. War also schon durch, der Trend oder was? Aber dann entdeckte ich doch noch einen. Ein prächtiges Exemplar von einem Dilettanten. Miesgelaunt schlurfte er über den Kiesweg, und seine Stecken zogen zwei dünne Schlangenlinien in den Staub. Er sah aus wie Henk. Und als er näher kam, sah ich, dass es Henk war. Das war schön. Er trug gewöhnliche Straßenkleidung, keine Sportklamotten. Auf dem T-Shirt stand: FOLSOM PRISON 1968.

War klar, dass er mich gesehen hatte. Er wollte einfach an mir vorbeiziehen, aber ich ließ ihn nicht.

  "Hey, Henk!" Er blieb stehen und schnaufte verdrossen.
  "Was gibt's?", sagte er, so überhaupt nicht überrascht,
mich so viele hundert Kilometer von zu Hause anzutreffen.
  "So ein Zufall", sagte ich.
  "Es gibt keinen Zufall", antwortete er und zeichnete mit dem
Stecken etwas in den Kies. "Es gibt nur das Scheißkarma."
  "Versteh ich jetzt nicht, aber setz dich und trink was."
  "Du zahlst. Ein Wort zu den Stecken, und stech dir ein
Auge aus."
Da saßen wir nun. Ich fand's äußerst schwierig, nichts zu den
Stecken sagen zu dürfen. Die Biere kamen. Wir schluckten den
Schaum weg, und blickten rüber zur Ach und den großen Weiden.
Man hörte für eine Weile nur das Knirschen von Schuhen im Kies
und das Trillern von Vögeln.
  "Scheißvögel", sagte Henk, "Scheißamseln. Superscheißamseln.
Ich hasse sie. Hört sich jedes Mal an, als wanke ich um halb 4 nach
Hause. Des mog i net."
Tatsächlich. Amseln.
  "Was kann man nur gegen Amseln haben? Selbst bei dir erscheint
mir das ein wenig eigenartig."
  "Hörst du's denn nicht?" Ich horchte. Eine Amsel machte
Bipbipbip. Zugegeben, keine große Sangeskunst.
  "Amseln, die tepperten Viecher, imitieren die Geräusche ihrer
Umgebung. Und diese, hör nur zu, die ist offenbar geschlüpft, als
ihr Nachbar, ein Wappler vor dem Herrn, zu einem Wochenende nach
London aufgebrochen ist. Dabei hat er vergessen, den Wecker
auszuschalten. Und während der ersten Tage ihres Lebens hörte
dieser Vogel das BipBipBip des Dämlichen Weckers und lernte es."
Es stimmte. Es klang wirklich wie ein elektronisches Wecksignal.
Nun begann es mich auch zu nerven. Und es hörte nicht mehr auf.
Ich hörte nur noch das Amselwecksignal. Nicht mal mehr das
Kiesknirschen. Ich ging auf den Abort. Als ich zurückkam, war
Henk weg. Nur die beiden Stecken waren noch da. Sie lehnten am
Stuhl. Ich trank noch ein Bier. Und dann noch eins. Ich hörte
den Amseln zu. Es gab noch andere. Ich dachte mir Geschichten
über die Umstände ihres Aufwachsens aus.
Die Lesung war so na ja.

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