Sklaven

Ab 24 Grad Celsius ist meiner kleinen Tochter „brennheiß“. Sie mag dann keine T-Shirts anziehen, sondern nur noch „Spaghettiträger-Leiberl“. Davon gab’s keine passenden mehr, also ging ich mit ihr in den 10. Bezirk, der sozusagen gleich hinter unserer Haustür beginnt, und wir ackerten uns durch die Kärtnerstraße für Arme, die Favoritenstraße. Nach einer halben Stunde, nachdem wir schon bei H&M vergebens vorstellig geworden waren, zogen wir bei C&A ein. Runter, in den Keller. Mein Fleisch und Blut sagte: „Ich schau mich nur kurz mal um“, und war weg. Da alle Kleiderständer größer waren als sie, hätte ich sie nie wieder gefunden, falls sie es drauf angelegt hätte. Da stand ich nun. Überall farbige Klamotten und Frauen mit Kopftüchern und Schuhen von Deichmann, halbwüchsige Mädchen, noch ohne Kopftuch, und der wuchtige, dicke Mann ohne Kind.

Ich ließ die Spaghettileiberl durch meine Finger gleiten. Schließlich bin ich als Ex-Textillaborant vom Fach. Auf dem Gewirke war noch 20% Rabatt. Zwei Leiberl für € 4.-. Das machte mich ratlos. Aber nur zum Schein. Ich tat so, als würde ich nicht verstehen, warum man für den Preis eines Mokka beim Anzengruber, zwei Leiberl kriegen konnte.

Die Klimaanlage versüßte mir den Aufenthalt, bis das Kind plötzlich, „wie aus dem Boden gewachsen“, wieder vor mir stand. Ich tat, was zu tun war und kaufte. Die Kassiererin hatte sich blaue Strähnen in ihr Haar operieren lassen, und sprach deutsch.

Am Abend sah ich eine Doku, die mir wieder mal erklärte, was ich heute nicht zu Ende gedacht hatte. Ich sah die Arbeiterinnen in Bangladesh, die meiner Tochter die Leiberl zusammengenäht hatten, ich sah die Arbeiter in den Baumwollfeldern im Giftnebel der Schädlingbekämpfung, sah ihre Unterkünfte, ihre Kinder, die erloschenen Augen, und hörte, wie der Reporter die unerträgliche Hitze und Enge in den Fabriken schilderte. Sie verdienen 16 Euro/Monat.

Meine Kinder sahen es auch. Sie waren empört. Es war, als hätten die Leiberl nun einen hässlichen Fleck abgekriegt.

Als man Napoleon nach einer verlorenen Schlacht die Leichenberge auf dem Schlachtfeld zeigte, sagte er: „Eine einzige Pariser Nacht wird das wieder bevölkern.“

Der Mensch, ein unerschöpflicher Rohstoff.

Nicht im Drogen-, nicht im Waffen-, nicht im Rohstoffhandel liegt die Zukunft.

Sklaven.

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