Nostalgie und Tradition

Im Schweizer Film „Der 10. Mai“ von Franz Schnyder von 1957, gibt es eine Einstellung, in der kurz das Emailschild eines Schweizer Bahnhofs ins Bild kommt. Das steht wunderliches darauf. Nämlich: „BIGLIETTA und ABORT.

Biglietta sind Fahrscheine oder zu deutsch: Tickets. Und Abort? Ja, wir ahnen es alle. Es ist natürlich nicht das Hinweisschild für Tickets und Abtreibungen oder der Wegweiser zu einer Lokalität wo man Frühgerburten los wurde, sondern der Abort war schlicht und einfach das Scheißhaus. Oder Klo. Oder feiner: Toilette. Oder richtig deutsch: Rest Room.

Aber wenn ich bei meinen Großeltern war, ging man auf den Abort. Auch meine Tanten und Onkel hockten auf dem Abort. „Er ist gerade auf dem Abort“, hieß es, wenn einer nicht auffindbar war. Er saß dann auf dem von Chlor weißgelaugten Holzrahmen mit dem kreisrunden Loch, (durch das ein kleines Kind problemlos durchrutschen konnte,) und sein Arsch wurde von der Leere und Kühle des Abortalls umweht. Der Schiet fiel, wenn er fiel, tief. Wenn man sich versäuberte und das Papier ins Loch warf, konnte man zusehen wie es auf den kleinen Berg, der sich wie eine braun-weiß-gesprenkelte Miniatur des Matterhorns ausnahm, segelte.

Das Ding war zum Fürchten. Und es hieß Abort. Es hieß auch noch eine Weile Abort, als es schon ein Klo nach heutigen Präferenzen war. Aber irgendwann hieß es nicht mehr Abort. Dann hieß es „Hüsli“. Aber eigentlich war das „Hüsli“ der Vorläufer des Aborts gewesen, und war draußen neben dem Schweinestall gestanden. Und wenn man in der weichen Dunkelheit des „Hüsli“ hockte, konnte man die Schweine grunzen und forcheln hören, ihren Blasatem, und manchmal quetschte eine Sau ihren borstigen Rüssel unter der Hüslikante durch. Gacken war ein kleines Abenteuer.

Die Freundinnen meiner Tochter haben unserem Klo auch einen Namen gegeben. Es heißt „Georgie“, und alle haben ein bisschen Angst vor dem Ding.

Das gehört zur Familientradition.

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