Kardinaltugend

Es mutet manchmal wie ein Wunder an, wenn man in einem Medium wie der Television einmal etwas echtes sieht. Abgesehen von echten Lügnern, echten Wapplern, echten „Ich war’s nicht, der andere hat auch-Typen“, echten Schaumschlägern, echten Falschzeugnisablegern und anderen Politikern. Und man ist es überhaupt nicht gewohnt. Es ist auch erstaunlich, was der Anblick und das Anhören von wirklichen und aufrichtigen Menschen, in einem 5/7 Misanthropen wie mir, hervorruft: Er fühlt sich plötzlich menschlich, der miese Misanthrop.
Überhaupt Aufrichtigkeit! Eine Kardinaltugend, meiner Meinung nach. Nun gut, ich gebe zu, dies ist ein zusammengesetztes Wort, dessen beide Teile heute von der authochtonen und indigenen Bevölkerung Westeuropas nicht mehr übersetzt werden können, da sie nicht „leiwand“, „oasch“, „Todesstrafe für Kinderschänder“, weder das „geschieht ihm doch recht, dem toten Dieb“, „das weise ich entschieden zurück“, noch „davon habe ich nichts gewusst“, bedeuten.

Aber wurscht. Manchmal bedürfen wir des Wunders.
Ich sah also die letzten drei Teile des großartigsten Dokumentarfilms über „The War“ in Arte und hörte die Helden sprechen. Und die Heldinnen. Und warum waren es Helden? Weil sie aufrichtig gehandelt haben. Und auch aufrichtig über ihre Taten gesprochen. Über das Sterben der Kameraden, und auch, dass sie selber getötet haben. Sie haben geweint, als sie von der Befreiung von Mauthausen und anderer KZ’s sprachen. Sie haben Worte gesucht für das Grauen. Auch für ihren Hass. Den manche ein Leben lang bekämpfen mussten, um nicht daran zu Grunde zu gehen.

Ihre Gesichter sind die Gesichter von wahren Menschen. Sie haben ins Antlitz des Horrors geblickt. Sie gingen, jenseits aller Rambo-Romantik-und Katharsis, durch die Hölle. Und sie kämpfen bis zu ihrem letzten Atemzug gegen Verbitterung und Alpträume. Sie wissen, dass der Mensch ein Scheißkerl ist, ein aggressiver Zweibeiner, der nur mit Mühe und auch nur eine Zeitlang, seine Mordlust unterdrücken kann.

Es waren die Gesichter von mutigen Menschen, gerade, weil sie sich ihre Angst eingestanden. Es sind die Gesichter der Menschen, denen wir unsere Freiheit verdanken.

Danach zappte ich auf ORF 2 und dort lief ein „Club“ zum Thema Waffen. Es war, als würde man gerade an den Anfang von „The War“ zurückkehren.

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