Wie ich das Bild von Wien verfälsche, und trotzdem Gutes tue

Wenn ich einkaufen gehe, tue ich es fast ausschließlich in meinem Grätzel. Aber um in mein Geisteszentrum zu gelangen muss ich gute 10 Minuten Richtung Nordwesten schlapfern, und will ich auf die Post, sind’s 10 Minuten Richtung Nordosten. Meistens vagabundiere ich zuerst zur Post, schlage einen Haken und gelange so ins Geisteszentrum, wo ich Gewichte stemme und über meine Existenz und die der anderen, nachdenke.

Argentinierstraße: beliebter Wechsel semi-verirrter Touris
Argentinierstraße: beliebter Wechsel semi-verirrter Touris

Wenn ich mein Grätzel verlasse, werde ich auf der Straße angesprochen. Zu etwa 90%. Meist auf der Höhe des Benya-Parks. Denn die Argentinierstraße ist ein beliebter Wechsel für Semi-verirrte Touristen. Die wollen – man weiß nicht genau warum – zum Schloss Belvedere. Gestern (noch ein paar Tage vor der Jagdsaison, denn die beginnt erst mit den Weihnachtsferien), wurde ich nur nach dem Verbleib der Arbeiterkammer gefragt. Von einer Frau. Das war kurz bevor ich von einer anderen Frau vom Postschalter weggerempelt wurde wie ein Stürmer von einem Eishockeyverteidiger. Die furiose Lady schmetterte den wunderbaren Doblerschen Gedichtband in der Luftkissenversandtasche, zu Boden. Das war ihr Recht, denn sie war der Meinung, ich hätte mich vorgedrängelt. Sie hätte auch sonst Recht gehabt, denn in Wien haben alle recht, die sich zu kurz gekommen fühlen.
Eine denkwürdige Situation. In meiner alten Heimat so unvorstellbar, wie die Abschaffung der Demokratie. Aber was soll’s, so sind die hier. Man muss sie irgendwie ertragen, und ihnen hin und wieder sagen, dass sie auch irgendwie zur Zivilisation gehören. Obschon…
Es gibt ein paar Dinge, die ich unter keinen Umständen tun würde, naja, ausgenommen nach angedrohter Gewalt gegen meine Kinder, und eines dieser Dinge, heißt „Vordrängeln“. Da würde ich mich schämen.

Einige Minuten später, wurde ich wieder von einer Frau angesprochen, sie hatte eine lange, brennende Zigarette in der Hand, und wollte von mir wissen, wo sich denn die bescheidene Hütte der SVA (Sozialversicherungsanstalt) befünde? Wusste ich natürlich. Ich weiß fast alles. Immer freundlich, immer bemüht, immer lächelnd, so kennen mich die Verirrten, die Ortsunkundigen und die Damenwelt der Bezirke. Und wenn’s Touristen sind, dann ist es mir ein inneres Bedürfnis ihnen den Weg zum Belvedere in ihrer Landessprache zu erklären: Sempre indiritto, ca. cento metri, e poi a sinsitra, fino …usw. Oder, wenn mir der schlecht verhohlene französische Accent in den zerkauten englischen Brocken auffällt: Maintenant tousdroit, pas plus de cent metres, etpuis a gauche jusque à… In Kastilisch, in Englisch, in Schwyzertütsch bewandert; so kennt man den gütigen Mann von der Argentinierstraße.

Einmal tapperte eine bekopftuchte Lady in den Fitnessladen in dem ich als Trainer arbeitete. Sie redete mich mit einer Selbstverständlichkeit in Französisch an, dass man glauben könnte, wir wären in Tunis oder Paris und nicht im 9. Wiener Bezirk. Pas des Problemes. Machen Sie mal auf Deutsch in Tunis oder Paris…

Und all diese Menschen, die diesen äußerst netten und liebenswürdigen Guide in Wien angetroffen haben, fahren wieder zurück in ihre Heimatländer und werden dort gefragt, wie’s denn war in Wien und wie sie denn sprachlich zurecht gekommen seien? Kein Problem, werden die dann sagen: Die reden da französisch und italienisch und spanisch und englisch und schwyzertütsch. Erstaunlich, werden die Daheimgebliebenen antworten, dann stimmt es also nicht, was man gemeinhin von den Wienern sagt: Einer der viele Sprachen spricht, nennt man Multilingual, einer der zwei Sprachen spricht bilingual und einer, der nur eine Sprache spricht: Wiener.
Keine Spur, werden die begeisterten Rückkehrer holleien, nicht die Bohne! Alles sauber. Und so freundliche Menschen. Es ist kaum zu glauben. Da sieht man es wieder: Alles nur blöde Klischees, von wegen muffigen, grantigen und hinterhältigen Wienern. Märchen!

Das war die Geschichte, wie ich manchmal das Bild von Wien verfälsche und trotzdem Gutes tue und das Bruttosozialprodukt dieser Stadt nicht unmaßgeblich beeinflusse. Denn ein zufriedener Tourist ist ein Wiederkommer. Sagt mir eigentlich jemand danke dafür?

4 Antworten auf „Wie ich das Bild von Wien verfälsche, und trotzdem Gutes tue“

  1. Yeah, wie schon Kris Kristofferson über meinen Lieblingsfeind Niedermann dichtete:

    „He’s a poet, he’s a picker
    He’s a prophet, he’s a pusher
    He’s a pilgrim and a preacher, and a problem when he’s stoned
    He’s a walkin‘ contradiction, partly truth and partly fiction,
    Takin‘ ev’ry wrong direction on his lonely way back home.“

  2. Zur Ehrenrettung:
    Er joggt immer noch wie eine junge Lokomotive, und wo er hinhaut wächst kein Gras mehr.

    Was das Photo betrifft:
    Auch ich hab meine Brötchen als Fitnesstrainer verdient, und soviel Bier wie in dieser Zeit hab ich in keinem anderen Lebensabschnitt (weder vorher noch nachher) genossen.

    Perfektes Elektrolytgetränk!
    Prost!

    Und:
    Rock On!

  3. ich bin verblüfft und ungläubig, verehrter Herr Niedermann!

    Sie arbeiten als Fitnesstrainer? Ich erinnere mich noch dunkel an ihren „Allerletzter Tag im “Birli”“ (http://songdog.at/blog/?p=2841). Wenn Sie der Herr auf dem mittleren Photo sind sind Sie wahrscheinlich der atypischste Fitnesstrainer der Welt!
    Was nicht unbedingt schlecht sein muss! :)

    Ihr ungläubiger Frank

  4. Doch, ich ! Ein sehr schoener Blickwinkel ! Ich schaeme mich fast, dass ich da nicht mithalten kann. Die Gelegenheit, einem alten Griechen Auskunft geben zu koennen, ist eher selten. Manchmal reitet mich aber der Teufel und dann bin ich versucht, den oesterreichischen Wanderern auf Sanskrit den Weg zu erklaeren. Im Wald. (Haben wir vielleicht die Grenze uebersehen ? Haben wir uns nach Tschechien verirrt ??)

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