Mauern sollten nur im Juli fallen

Vor zwanzig Jahren als die Mauer fiel saß ich, zusammen mit tschechischen Dissidenten, unten im Wiener „Nachtasyl“. Die Tschechen hörten in nervösem Schweigen Radio Prag. Auf dem Wenzelsplatz versammelten sich jeden Tag 50’000 Leute zu Demonstrationen.

Ich war in einer bemitleidenswerten Verfassung, gerade auf dem Sprung nach Nirgendwo, wieder mal unbehaust, da ich meine Wohnung über dem Wiener „Nachtasyl“ aufgegeben hatte und auf die Abreise nach München wartete, wo ich aus meinem gerade erschienen Roman lesen sollte.

Die Tschechen waren ernst und nervös. Was in Deutschland geschah, war hier unten völlig bedeutungslos.
Ich empfand es als Dammbruch, und es machte mir irgendwie Angst. Ich dachte, sowas sollte besser an einem schönen Juliabend geschehen, als in einer trübsinnigen Novembernacht. Außerdem war ich gerade dabei mich zu Tode zu saufen, und die Ereignisse draußen bedrängten mich und ich fühlte mich entsetzlich. Soviel Emotion überall. Alle Welt schien auf den Beinen zu sein. Die Züge waren voll, und rollten durch die Dunkelheit.

Die äußeren Geschehnisse und meine desolate Verfassung amalgierten. Ich hatte das Gefühl mich aufzulösen, zu dissoziieren. Ich fuhr nach München, ich fuhr nach St. Gallen, ich fuhr nach Zürich, ich fuhr ins Berner Oberland. Wieder nach Zürich, wo mir jemand sagte, dass er diesen Mauerfall nicht so gut finde. Nur Löcher darin, hätte er sich gewünscht. Nicht gleich alles weg.

Manchmal sah ich im Fernsehen die Menschenmenge. Überall diese Menschenmengen. Im Taumel. Verbrüderungen. Gesinge. Jubel. Tränen.

Ich betrachtete all dies mit einer gewissen Fassungslosigkeit. Menschenmassen waren mir ein Gräuel. Das wird euch noch leid tun, dachte ich, und fuhr weiter mit den Zügen durch die Nächte. Überall roch es nach einem der Ester mit denen man Kerzen parfümierte um die Menschen auf Weihnachten einzustimmen und ihre Börsen zu öffnen.

In Wien kehrten bereits die ersten Ex-Dissidenten von ihren Tschechienbesuchen zurück. Enttäuscht bis auf die Knochen. Desillusioniert. Sarkastisch.

Und ich machte weiter mit dem was ich tat, bis ich, kurz vor dem wirklichen Finale, damit aufhörte und wieder etwas anderes begann.

Ich habe Berlin nie mit Mauer gesehen.
Vollkommen wurscht!

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