Der Autor als Jukebox V.

Gudrun Sperzel-Völk wünschte sich einen Blog zum Thema: Kann man Waffen mögen, ohne militant zu sein? Und wozu hat man überhaupt Waffen? Und was ist so schön an Waffen?
Der Autor dankt und schreibt.

Ich bin bewaffnet. Schon immer. In der dritten Schublade meines Schreibtisches, rechtshändig, liegt die „Daisy Power Line, Model 45 CO2“. 14 Schuss im Magazin, die CO2-Kartousche ist im Griff eingelegt und ich bräuchte nur die Schraube hochzudrehen, ein Vorgang von zwei, drei Sekunden, und ich wäre in der Lage vierzehn 4,5 mm Blei innerhalb weniger Sekunden irgendwo hin zu pumpen. Außerdem verfüge ich über ein rasiermesserscharfes „Buck-Knife“. Das liegt auch in der dritten Lade.

Über die „Daisy Powerline“ habe ich eine kurze Story geschrieben. Sie erschien in „Das Flackern der Flamme bei auffrischendem Westwind“ (Songdog Verlag) Sie heißt:

Was Epikur mich lehrte

Sie hatten mich eingekreist. Auf einem dreckigen Parkplatz, hoch über der Stadt. Vier junge Kerle in Springerstiefeln. Die italienische Sonne brannte auf ihre kurz geschorenen Köpfe.
Sie kamen näher. Ich schwitzte vor Angst und Hitze. Dann wagte einer einen Angriff. Ich bekam ihn mit dem linken Arm zu fassen und nahm ihn in den Schwitzkasten. Mit der Rechten zog ich die Daisy Power Line, Model 45 CO2 und drückte die Mündung gegen sein rechtes Nasenloch. Die andern lachten.
„Is doch nur ne Luftpistole! Nur ne lächerliche Luftpistole. Spielzeug.“
„Noch ein Schritt und du siehst, was ne Luftpistole kann“, sagte ich in gebrochenem Italienisch. Der Bursche grinste und kam ganz dicht heran. Ich drückte ab. Der Junge im Schwitzkasten bäumte sich auf, schrie, wie ich noch nie jemanden hatte schreien hören. Ich ließ ihn los, und er fiel in den Dreck.
Blut spritzte aus seiner Nase. Der nächste versuchte nach der Pistole zu treten, aber ich war schneller und schoss ihm ins Gesicht. Er ging in die Knie und schlug die Hände vor seine blöde Visage. Die beiden anderen blieben unentschlossen stehen. Ich musste schnell weg, denn wie Epikur lehrte, war ein großer Schmerz immer ein kurzer Schmerz. Ich sprang über eine kleine Mauer, rannte einen Hügel hinunter und war froh, dass ich den alten Griechen gelesen hatte.

Es gibt Leute, die finden diese Geschichte komisch. Ich auch.

Aber warum habe ich eine Waffe? Ich meine, es ist eine Waffe, auch wenn ich damit nur sehr schwer einen Menschen ernsthaft verletzen könnte.
Ich hatte, seit ich denken kann, eine Schwäche für alles was schießt. Warum? Keine Ahnung.
In der Schweiz hat beinahe jeder Mann, ein Gewehr zu Hause. Mein Vater hatte noch den alten Karabiner, mit dem sechsschüssigen 7,65 Magazin. Er stand im Elternschlafzimmer in der Ecke neben dem Schrank. Wenn niemand zu Hause war, spielte ich damit. Ich wusste auch, wo er die Munition aufbewahrte. Es war eine schwere, nach Waffenöl riechende Blechkiste. Sie war versiegelt. Wenn man sie öffnete, kam es bei der nächsten Inspektion raus, und mein Vater hätte gewaltigen Ärger bekommen. Die Munition war für den Kriegsfall.

Als ich sieben war, zeigte ich den Soldaten (damals waren zu jeder Zeit und überall Soldaten), die im Schulhof irgendwas übten, wie man eine Maschinenpistole auseinander nimmt und wieder zusammensetzt. Und zwar in der vorgeschriebenen Zeit. Keine Ahnung, warum ich das konnte. Aber ich mochte die Verschlüsse, die Federn und die Schwere des glänzenden, nach feinem Waffenöl duftenden Metalls. Ein Gewehr in der Hand zu haben, ist etwas erhebendes. Es ist ein Ding, das funktioniert. Es ist ein aufregendes Gefühl den Druckpunkt des Abzugs zu suchen, den Atem anzuhalten bis es vorbei ist.

Mir gehörten verschiedene Luftpistolen, Schleudern und Bögen. Ich schoss damit auf das leere Vogelhaus im Garten, auf Tulpenblüten und dies und das. Manchmal legte ich auf Vögel an. Ich wusste, dass ich sie töten könnte. Ich war und bin, ein verdammt guter Schütze. Ich wollte die Vögel nicht töten. Aber es war so ein Gefühl. Der Vogel saß auf dem Ast und wusste nicht, dass, wenn ich es wollte, er gleich tot herunterfallen würde. Dies war ein sehr seltsame, irgendwie fremde Empfindung. Sie machte mir ein wenig Angst.

Ich habe nie ein Tier getötet. Nur einmal habe ich mit einem Pfeil auf einen Frosch geschossen und ihn am Bein erwischt, so dass er in die Erde genagelt war. Ich hatte einen solchen Schock, dass ich meinen kleinen Bruder beauftragte, diesen Pfeil wieder herauszuziehen. Ich war zu feige, es selbst zu tun. Danach habe ich es nie wieder getan.

Nur dreißig Jahre später, mit der Daisy, habe ich eine Taube abgeknallt. Man weiß sofort, dass es eine Sünde ist. Es machte keinen Sinn, denn die anderen Tauben nervten immer noch, mit ihrem Gegurre und Gebalze und ihrem ekelerregenden Flügelschlagen.
Töten ist nicht schön. Ich glaube, dass es ziemlich furchtbar ist. Einmal sah ich einen Film über einen Jäger der einen Elefanten erlegte. Der Mann war fertig. Er weinte, stöhnte und atmete laut und es war ihm bewusst, dass er eine Todsünde begangen hatte.
Ich kann mir aber vorstellen, dass es Männer gibt, die süchtig danach sind.
Der Vater einer Freundin, ein Kärtner, knallte Rehe an der Futterkrippe ab. Aus dem Auto. Er schnitt ihnen dann die Köpfe ab und legte sie in Eimer mit Ameisensäure. Wegen der Trophäe. Überall im Haus und in dert Garage und der Werktstatt stolperte man über diese stinkenden, faulenden Köpfe in der Säure. Es war äußerst seltsam. Ich verstand es nicht.

Aber sein Waffenschrank war großartig.

Als ich ein Hippie war, lehnte ich Waffen ab. Ich verweigerte den Armeedienst an der Waffe und wurde zu Gefängnis verurteilt. Es dauerte sehr lange, bis ich mir eingestehen konnte, dass ich nicht der Pazifist war, für den ich mich hielt. Ich mag Waffen. Und die Armee verweigerte ich, weil ich mich nicht rumkommandieren lasse, und weil mich der kratzende, schwere Wollstoff auf der Haut verrückt macht.

Ja, und meine Messer in der Küche sind rasiermesserscharf und werden immer nachgeschärft. Wenn ich das große auf eine Tomate lege, fällt es durch sie hindurch. Das gibt mir ein verdammt gutes Gefühl. Ich mag Dinge die funktionieren. Ich mag Mechanik und die Schwere des Metalls. Ich mag die Präzision in Wort und Tat. Ich mag den Geruch nach Kordit.

Warum? Keinen Schimmer. Warum mag jemand laue Sommernächte und manikürte Nägel? Warum mag jemand Geschichten von Dan Brown und Pariser mit Noppen und Erdbeergeschmack? Und warum ist man hierzulande unfähig, etwas ordentlich zu Ende zu bringen, ohne auf halbem Weg abzubrechen?

Tja,…

4 Antworten auf „Der Autor als Jukebox V.“

  1. Liebe Gudrun,
    eine rhetorische, mehr illustrierende Frage nach dem „Warum“ von irgendetwas. Das bezog sich natürlich nicht auf’s Töten.
    Aber wer etwas profundes übers Töten lesen möchte, nehme Hemingways „Tod am Nachmittag“ zur Hand.

  2. Was?

    Kein pseudo-poetisches Geschwafel über die erotische Komponente von warmem Blut auf kaltem Stahl?

    Kleiner Scherz.
    Hab ich von Dir auch nicht erwartet.
    So war’s viel besser.
    Ehrlich und außerdem prompt reagiert.

    Aber trotzdem: Eine Kaffeemaschine funktioniert unter Umständen auch gut, aber übt sie dieselbe Faszination aus?
    Viel Leute sammeln Waffen, aber wer sammelt Kaffeemaschinen?

    Würde mich aber auch nicht wundern; schließlich soll es ja auch erwachsene Männer geben, die im Keller mit einer Eisenbahn spielen und dabei eine Fahrdienstleiterkappe tragen.
    Und sowas macht mir mehr Kopfzerbrechen, als jemand, der Waffen mag.

    Rock on!

  3. Nun gut, es ist, schätze ich mal, die 48 Ziffern lange Buchstabenkombination am Zahlschein wert. Hab Dank für dieses prompte, klare Plädoyer, das vermutlich genau dem entspricht, was Waffen eben sind: schnell, präzise und eine Mischung aus Leidenschaft und Hasenpfeffer. Nur der letzte Satz kann mich noch nicht überzeugen: Sich zu verkneifen, einen tödlichen Schuss abzugeben, kann doch nicht etwas zu Bemäkelndes sein?! Oder ist dieser Satz auf die Pariser mit Noppen bezogen?!

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