Ein Blog-Autor ist (leider) auch nur ein Sterblicher

Der Blog oder das Blog, ruht sich aus. Der Autor oder das Autor ist beschäftigt mit Distributionsarbeiten des Verlags. Er möchte es aber nicht verabsäumen, Ihnen, werte Blog-Leser zu eröffnen, dass die beiden Bücher jetzt erhältlich sind. Und ich möchte auch noch erwähnen, dass Sie mit dem Kauf eines Log-Buches, diese Blog-Arbeit erst ermöglichen. So paradox es auch klingen mag: Der Schreiber eines Blogs ist ein sterblicher Mensch, der Nahrung, Wohnung, Wein und hin und wieder ein paar neue Schuhe braucht. Und dessen Kinder auch. Bis auf den Wein.
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Eine Antwort auf „Ein Blog-Autor ist (leider) auch nur ein Sterblicher“

  1. Mann, Whiskey, Gedichtband

    Beim neuen Gedichtband von Franz Dobler fehlen zwar die Bindestriche im Titel des Werks, aber Heiko Werning hat ihn trotzdem für uns gelesen und sich dafür sogar in die Rocky Mountains und in die Wüste von Utah begeben. Obwohl er, wie er selbst sagt, lyrisch anders begabt ist.

    von Heiko Werning

    Eigentlich kann ich Lyrik nicht ausstehen. Da liege ich, so unangenehm mir das ist, ganz auf der Linie der Mehrheit. Über Klassisches kann ich wenig sagen. Und Zeitgenössisches – nun ja, man versucht es halt immer mal wieder, idiotischerweise. Weil man denkt, man müsse vielseitig sein. Und belesen. Und so verschwendet man kostbare Lebens- und somit Lesenszeit damit, irgendwelche selbstverliebten, unverständlichen, kryptischen Sprach-, Form- und Gedankenansatzspielereien mühsam zu dechiffrieren, versucht sinnlos, einen Sinn darin zu erkennen, denkt dann, es muss ja gar nicht immer um Sinn gehen, Sprache soll etwas auslösen, irgendwo da in dir drin. Und Gedichte, die sind »Sprachkonzentrate«, die müssen erst recht etwas auslösen, das sagen doch so viele. Aber da drin tut sich nichts, gar nichts. Egal ob vertikal oder horizontal, ob die Buchstaben einen Fisch formen, eine Kanone oder ob alles klein geschrieben wird oder ohne Satzzeichen – nein, da wird bei mir nicht mehr ausgelöst als ein Kopfschütteln oder Gähnen. Nicht mein Feld. Muss man auch einsehen. Von Gedichten verstehen andere mehr, die haben sicher ein feineres Empfinden, ein größeres Verständnis, eine angemessenere Bildung, was auch immer – du bist raus. Du bist lyrisch anders begabt.

    Und dann kommt mir der Band »Ich fühlte mich stark wie die Braut im Rosa Luxemburg ­T-Shirt« unter, Gedichte von Franz Dobler. Bei Dobler handelt es sich um einen bajuwarischen Kenner des Werks von Johnny Cash, über den er eine, so hörte ich, lesenswerte Biographie schrieb. Darüber hinaus verfasste er lesenswerte Romane, so befand ich, und leistete mit einer eigenwilligen Sampler-Reihe (unter dem wiederum von Johnny Cash herrührenden Leitmotiv »Wo ist zu Hause, Mama«) Pionierarbeit in der Würdigung deutschsprachiger Popmusik, noch bevor Tocotronic, die Sterne und Peter Licht in aller Munde und Ohren waren. Und er tritt als Vorleser und DJ auf. Der macht nun also auch in Gedichten, dachte ich. Dabei ist das »T-Shirt« schon sein zweiter Gedichtband, wie ich erfahre; »Jesse James und andere Westerngedichte« erschien schon bald 20 Jahre zuvor.

    Ein bisschen Einsamkeit, Weltschmerz, Westernromantik und Dunkle Seele darf man also bei dem Autor erwarten, und vielleicht liegt es auch daran, dass ich diesen Band stilbewusst unter funzeligen Lampen an wackligen Stromanschlüssen auf Zeltplätzen in den Rocky Mountains von Colorado und der Wüste von Utah las – auf einem Laptop allerdings, das ist halt der Gang der Dinge –, jedenfalls stellte sich umgehend das Gefühl ein, dass da ja doch etwas berührt werden kann bei der Lektüre zeitgenössischer Gedichte. Dass so ein Gedicht, selbst eines, das nur unzureichend mit Satzzeichen versehen ist, was allerdings wirklich nicht nötig gewesen wäre, selbst eines mit fehlenden Bindestrichen im Titel des ganzen Werkes, dass einem so ein Gedicht gefällt, dass man sich fühlt, als werde einem freundschaftlich auf die Schulter geklopft oder verschmitzt zugelächelt. Und schon beim nächsten hat man das angenehme Gefühl, dass da ohne große Worte jemand ist, mit dem man gern mal einen trinken würde, obwohl man wüsste, es würde nicht bei einem Drink bleiben. Ein gutes und seltenes Gefühl. Und dann stelle ich verblüfft fest: Trotz der von mir selbst an mir diagnostizierten lyrischen Behinderung lese ich den Gedichtband gerne. Von Anfang bis Ende. Was ja bei vielen Gedichtbänden schnell geht, so auch bei diesem. Für einen kurzen Moment ist da noch diese Unsicherheit: Zeigt sich mein Unverständnis nicht gerade darin, dass es mir gelingt, etwas so Komprimiertes, Dichtes in zwei Stunden einfach so durchzulesen? Aber dann zuckt man mit den Schultern und denkt: scheißegal. Mir gefällt es so. Am Stück. Und ich fühle mich darin vom Dichter bestärkt, der gleich zum Auftakt schreibt: »So ein Gedicht kann man/entnahm ich dem Interview mit dem Dichter/eins in sechs Monaten/kann man schaffen – mehr nicht./Ich glaubte zu verstehen/dass der Mann damit ein geniales meinte/und nicht irgendeins/in dem dann irgendein/beschissener Scheiß steht.//Sechs Monate … Dieses deutsche Gedicht enthält/ gemäß den allgemeinen Betriebsanforderungen/eine Mindestarbeitszeit nicht unter sechs Monaten!/Diese sechs Monate machten mich nachdenklich/auch weil er nichts über die Länge sagte./Sprach er von einem Versepos/das man in sechs Stunden kaum runterbeten kann?/Galt das auch für einen Vierzeiler?//Schaff in einem Jahr zwei Gedichte/oder dein Arbeitsplatz ist zunichte!« Auch Doblers Schlussfolgerung gefällt mir. Ein Tippfehler müsse es gewesen sein, der Autor meine sicher neun Monate für ein Gedicht: »neun Monate – du fängst ein Gedicht an/ und neun Monate später ist es/fertig (wenn nichts schiefgeht)./Ein Gedanke, der dem Dichter gefällt./Ich weiß schon, warum neun Monate./Ich bin auch nicht ganz blöd.« Derart warm begrüßt, fühlt man sich gleich willkommen in der Sammlung.

    Doblers Gedichte sind wie gute Songtexte, nur dass sie keine Musik benötigen – obschon einige sie durchaus erlauben würden und andere sogar mal über welche verfügten (»Ich war überall«). Sie bringen Dinge präzise auf den Punkt. Thematisch haben sie eine große Bandbreite, vom Politischen bis zu Religion, Selbstreflexion und natürlich Liebe, ohne sich je im Selbstgenügsamen zu erschöpfen. Da erzählt einer (auch) von sich, aber es interessiert mich. Das will ich von einem guten Songtext. Das will ich von einem guten Gedicht. Und viele von Doblers Gedichten sind komisch. Kein Wortspielwitz, keine gezielten Pointen. Doblers Humor kommt, wie es sich gehört, aus dem Schmerz über den Lauf der Welt – besonders schön zeigt sich das in »Finnischer Tango«, einem wunderbar rührenden Stück über einen DJ, der den Wunsch eines verliebten Tänzers nach einem finnischen Tango erfüllt, woraufhin der Tänzer vom Zauber des Moments und seiner eigenen Vorliebe für das Genre ganz glücks­duselig wird und dabei beobachtet, wie die Musik direkt in das Desaster des Rendezvous führt, denn: »dieser bescheuerte Finnische Tango wer hätte einen Bourbon einen Scotch und ein Bier das denn gedacht dass der irgendwas macht.« Da ist alles drin. Geht doch!

    Kurzum: Doblers Gedichte zeigen Präzision, Haltung und Humor. Mehr will ich doch gar nicht. Außer einem Whiskey unter einem knorrigen Utah-Wacholder bei Mondenschein (wie schade wieder einmal, dass ich nie zu rauchen gelernt habe). Da warte ich gespannt auf den dritten Band, der in etwa 20 Jahren zu erwarten ist – bei neun Monaten pro Gedicht wäre der dann wieder fällig.

    Franz Dobler: Ich fühlte mich stark wie die Braut im Rosa Luxemburg T-Shirt. Songdog-Verlag, Wien 2009. 60 Seiten, 12 Euro

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