Abschlusskundgebung in Wald (AR)

Heute gibt es (zum ersten Mal!) einen Gastkommentar von Florian Vetsch zu lesen. Er schrieb einen Nachklang zur Abschlusskundgebung im „Birli“ Wald (AR).
Morgen geht’s dann weiter mit „Der Autor als Jukebox“.

Dichterstubete im Birli (von Florian Vetsch)

Franz Dobler und Andreas Niedermann gaben
am Samstagabend eine schlagende Lesung

Das Birli bei Wald (AR), ein typisches Appenzeller Bauernhaus, ist das ehemalige Refugium des Zürcher Ehepaars Dr. René und Renia Schlesinger; heutzutage steht es jeweils für ein Jahr einem Kulturschaffenden zur Verfügung, den die Schlesinger Stiftung kürt. Der Autor und Verleger Andreas Niedermann genoss dieses Privileg seit letztem Oktober. In dem Jahr hat er dem Ort seinen Stempel aufgedrückt. Nicht nur, dass er täglich auf der Homepage seines Verlags HYPERLINK „http://www.songdog.at“ www.songdog.at einen spannenden Blog führte: Anstatt der bislang für Künstler veranstalteten Schlussaustellung realisierte der Literat dreimal eine Dichterstubete: eine neue Form einer Autorenlesung. Niedermann lädt dazu ein bis zwei Schreibende ins Birli ein und wirbt dafür in öffentlichen Blättern, auf Flyern, im Web etc. Zudem bekocht er die Gäste und stellt Tranksame zur Verfügung, reichlich und, dank der Stiftung, frank und frei. Und zu einer Dichterstubete läuft in den Pausen Vinyl: Diesen Samstag drehten Lyle Lovett, Tom Waits, Miles Davis und Billie Holiday ihre konspirativen Runden auf dem Plattenspieler in der gemütlichen Appenzeller Stube.

Von Erntedank sprach Andreas Niedermann am Ende seines Jahrs im Birli, davon, dass ihn die prächtige Landschaft, die Höhe, die Jahreszeiten hier oben tief berührt hätten und er in diesem Jahr 25-mal die Strecke Wien–Wald zurückgelegt habe, eine Strecke, die etwa der von der Arktis bis zur Antarktis entspreche. Und dass er hier oben vier vom Grafiker Yvo Egger prägnant gestaltete Bücher produziert habe, darunter den aus seinem Blog hervorgegangenen <>; aus ihm las er an diesem Abend vorwiegend. Neben ihm sass der für seine Johnny-Cash-Biografie weitherum bekannte Schreiber Franz Dobler, ein bunter Hund, von dem Niedermann gerade den Lyrikband <> herausgebracht hatte.

Es war keine abgekartete Sache, welche die beiden Autoren ihren rund 30 Gästen präsentierten. „Wer fängt an?“, fragte der Gastgeber seinen Mitstreiter. „Du fängst an, weil ich pissen muss“, erwiderte Dobler, erhob sich und verliess kurz den Raum. Also begann Niedermann, dann übernahm Dobler, der seine seit 1987 bestehende Freundschaft mit dem Verlegerautor beteuerte und prompt die Lesung ein weiteres Mal unterbrach: „Denken Sie darüber nach, was ich gesagt hab – ich hol mir mal eben ein Glas Wein.“ Im Verlauf der zwei Sets wirkten die Lesenden einmal wie Sparring-Partner – „Kollegen und Konkurrenten“ pointierte Niedermann ihre Beziehung –, dann wieder wie Stan Laurel und Oliver Hardy: witzig, spontan, selbstironisch, sportlich. Und sie liefen locker zur Höchstform auf. „Es gibt ungarisches Pörkölt und starke Texte“, hatte Niedermann auf seiner Homepage angekündigt. Starke Texte gab es denn zuhauf. Im Nu eroberten die prickelnde Aktualität von Niedermanns Logbuch und der Drive von Doblers erfrischend direkten, vollkommen unakademischen Gedichten die Herzen ihrer Zuhörerschaft. Die Lesung endete gegen 23 Uhr im Erzählen von Witzen und Kalauern. Haben Sie schon einmal eine Lesung zweier gestandener Autoren gehört, die mit Witzen und Kalauern endete? Das wäre doch mal eine Anregung für die Solothurner Literaturtage!

Abschliessend kann man sich nur wünschen, dass dies nicht die letzte Dichterstubete gewesen ist. Ich hoffe, dass es der Schlesinger Stiftung gelingt, Andreas Niedermann pro Jahr wenigstens zwei-, dreimal von Wien nach Wald einzuladen, um das sinnenfrohe und geistanregende Geschäft der Dichterstubete weiter zu betreiben.

Florian Vetsch

Franz Dobler: <>. Songdog Verlag, Wien 2009. 60 Seiten. CHF 20.-

Andreas Niedermann: <>. Songdog Verlag, Wien 2009. 342 Seiten. CHF 36.-

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