Nichts für Schlappschwänze

Ich sitze an der weißen Kachel und die Sonne brettert frontal durch das ausgedörrte Rollo wie ein gleißender Boliden. Ich schreibe. In der Küche ist die Tür zum kleinen Balkon offen und ich höre aus dem großen Innenhof -der einen ganzen Block umfasst- die Kinder aus der Kindergruppe. Ca. 100 Meter Luftlinie entfernt.
Es sind Mädchenstimmen. Kleine Mädchenstimmen. Die meiner kleinen Tochter ist auch darunter. Sie sind laut, diese Stimmen. Sie sind hoch. Sie werden noch lauter. Noch höher. Sie sind quengelig. Sie wollen was. Aufmerksamkeit für ein waghalsiges Kunststück auf dem Klettergerüst, zum Beispiel. Oder sie streiten ein wenig, aber sehr, sehr laut.
Es nervt. Oh, yes Sir, es nervt.

Kindergruppen mit Garten sind in der Nachbarschaft nicht beliebt. Dann vielleicht doch noch lieber Ausländer mit Manieren. Ältere Menschen wie ich, möchten Ruhe. Wir können nichts dafür. Kleinen Menschen bedeutet Ruhe etwa soviel, wie einem Eisbären eine Himbeere.
Ich habe auch schon älteren Menschen was gesagt, wenn sie sich über die kleinen Menschen beschwert haben. Es war meistens nicht sehr nett, was ich gesagt habe. Warum? Weiß ich nicht so genau. Vermutlich weil mein Augenstern auch darunter ist. Oder weil es hier um ein Prinzip geht. Aber es ist ein unlösbarer Konflikt, denn sie haben recht, diese Alten. Die Kleinen nerven.
Aber was kann man tun?
Nichts.

Jedesmal, wenn der erste warme Sonnenstrahl in unserer Gasse findet, rücken sie an. Bautrupps. Sie meißeln mit Presslufthämmern die Straße auf. Jedes gottverdammte Jahr, das der Herr ins Rennen schickt. Manchmal kommen sie sogar nachts. Einmal habe ich deswegen die Cops gerufen.

Das Interessante ist, dass sich niemand bei den Baufirmen, bei den Presslufthämmerschwingern, den Polieren beschwert. Ich würde sie am liebsten erschießen, wie sie so an ihren Dingern stehen und einfach losballern. Lärm ist etwas, das man nur erträgt, wenn man ihn selber verursacht. Diese Typen sind eine gottverfluchte Zumutung, der 6. Reiter der Apokalypse, chinesische Folter.

So, du alter Sack, jetzt weißt du’s. Alt werden ist nichts für Schlappschwänze.
Also, sei nett zu den Schreihälsen und beherrsch dich, ja!

3 Antworten auf „Nichts für Schlappschwänze“

  1. Im Thüringer Wahlkampf habe ich einen Slogan entdeckt, bei dem sich tatsächlich mal jemand was gedacht hat:
    KINDERLÄRM IST ZUKUNFTSMUSIK
    Klingt nach grün, aber er kam von den Nazis. Nein, kleiner Scherz. Von der FDP.
    Allein schon, wenn ich das Wort BAULÄRM lese, dreh ich durch. Der Chef hier hat die Lösung genannt: ihn selber machen. Und damit samma ja dann tutti kompletto in huasch.
    Soviel zur Frage, wie es gehen soll, dass die Hoffnung, die es nicht gibt, zuletzt stirbt?!?

  2. Ein interessanter Standpunkt, auf jeden Fall. Irgendwann wird sich auch mir erschließen, was an einem nächtlichen Presslufthammer – so ungefähr 100 Meter von meinem Fenster weg – geheimnisvoll war.
    Wobei mir schon klar ist, was der Herr a. deseris sagen will. Es ist ein bisschen so, wie mit einem Revolver der direkt vor deinem Gesicht abgefeuert wird, und einem, den man von weit entfernt heranwehen hört. Geheimnis…

  3. Als ich in der Nähe des Heidelberger Hauptbahnhofs, in der Belfortstraße, hinter dem Park wohnte, hat der regelmäßige nächtliche Baulärm für mich immer etwas Geheimnisvolles gehabt. Wir wären nie auf die Idee gekommen, die Polizei zu rufen. Dafür war die Gegend zu großflächig. Anonym. Eine verlassene, leere Gegend, weit von der Altstadt entfernt.

    Mit den ersten Sonnenstrahlen kam die Gemeinheit. Nichts als Baulärm. Und ein weiterer Tag.

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