Eine Allegorie

Neulich im Heidener Schwimmbad.
Die Jungs drängen sich, wie seit Menschgedenken, auf den Plattformen des Sprungturms. Ja. So war’s schon immer. Die Jungs springen von oben nach unten ins Wasser. Arschbomben, „Plättler“, Salti rückwärts und/oder gehechtet.
Auch der Autor war mal so einer.
Kann er’s immer noch? Man verlernt nichts, lautet ein Gesetz, was man kann, kann man.

Ein paar Probesprünge vom 1 Meter Brett. Es geht immer noch. Er hat zwar 40 kg mehr, seit damals. Er sieht, während des Sprungs, seinen Schatten im Wasser. Immer noch elegant. So Walmäßig. Ohne Flukenschlag. Aber Beine geschlossen und gestreckt.
Dann aufs 3 Meter Brett.

Die 110 kg auf dem Brett tanzen zu lassen, ist schwer. Es ist, als spüre er zum ersten Mal sein wirkliches Gewicht. Die Masse. Das Fleisch, die Muskeln, das Fett, die Knochen. All das gelebte Leben, die Tonnen an verzehrten Nahrungsmitteln, die Ströme von Wein, und all die anderen feinen Sachen. Die Unfälle, Knochenbrüche und Verletzungen, die mürben Bandscheiben und die locker gewordenen Gelenke. Der Schwung ist noch nicht raus. Der Junge, der er einmal war, der steckt immer noch in ihm drin. Nur macht dieser Junge jetzt alles mit einem Sack Zement auf den Schultern. Aber der Alte ist stärker als damals.
Und er schafft es. Drei saubere Kopfsprünge.

Dann, sein Glanzstück: „Seemannsköpfler“ rückwärts. Vom 3 Meter Brett. Funktioniert nur dort. Zuerst einmal vorwärts. Hinstellen, Hände an die Seite gepresst und steif, wie ein Baumstamm, fallenlassen.
Rückwärts ist es eine Mutprobe. Vermutlich wie rückwärts Bungeejumping. Der atemberaubende Fall ins Nichts. Und wer seiner Angst nachgibt und die eingenommene, steife Position verändert, der erfährt Schmerzen. Denn jegliche Veränderung der Lage verpfuscht die Landung. Nur wer wirklich dem Wissen und der Erfahrung vertraut, wird perfekt landen. Aber die Nerven brüllen danach, den Körper zu krümmen, sich gegen den Fall zu wehren, zu sehen, wo’s hingeht.

Danach kam eine junge Frau und sagte zu ihm: „Das sah ziemlich cool aus.“

Wenn das keine Allegorie ist, was dann?

3 Antworten auf „Eine Allegorie“

  1. Huch! Das ist aber nett von dem jungen Mädchen, und überaus cool, finde ich, vor Bewunderung nicht nur zu verstummen, sondern das Kompliment auch noch direkt an den Bewunderten weiterzugeben. Schön, dass junge Mädchen nicht mehr verstummen, wenn sie etwas zu sagen haben. Ich habe fleißig daran gearbeitet, dass der Versuch unserer Eltern, uns Mädchen mundtot zu kriegen, nicht klappt. Meine Generation von jungen Mädchen hat den kleinen und großen Angebern beim Versuch sich umzubringen, bestenfalls Angeberei unterstellt, oder eben Machtdemonstration. Oft hat das dann auch geklappt.
    Ich wäre ja im Boden versunken, wenn so ein cooler Typ vor mir aufgetaucht wäre. Den Bauch eingezogen, den Blick in die Ferne gerichtet, dorthin, wo der Riesenkrake gerade wieder einen Turmspringer verschlingt, hätte ich den Mutigen ignoriert. Ein Wort an ihn zu richten, den Blick in ihn zu versenken – ich wäre gestorben vor Scham, dem Helden zu begegnen, der dem Element Wasser trotzt, der Schwerkraft die Stirn bietet und den eisernen Willen besitzt, es der Welt zu zeigen, sich selbst zu beweisen, was für ein echter Kerl er noch ist. Jenem Recken mit billigen Komplimenten die Ehre zu erweisen – infam!
    Ich mag keine Schwimmbäder. Die Lautstärke, die vielen dicken Kinder, die Angeber, die sich heute mit dem Kopf unter Wasser trauen und später vom Drei-Meter-Turm springen, die sportlichen Schwimmer. Überall tolle Typen! Ich mag es nicht, wenn ich an meine Grenzen erinnert werde. Ich fahre jeden Morgen mit dem Fahrrad zur Ilmenau, springe ins eiskalte Wasser und schwimme zehn Minuten gegen den Strom. Dort bin ich allein – mit meinem Recken, der immer länger drin bleibt als ich und auch dorthin schwimmt, wo der Boden schlammig ist, und der natürlich den Tarzan macht, wenn er hinein springt. Während ich den Kaffee auspacke und überlege, was ich zu Mittag koche.

  2. Koepfler rueckwaerts vom Einmeterbrett kenn ich, hab ich oft und gerne gemacht. Auch ‚Delphin‘ – bis mir einmal die Sprungbrettkante haarscharf an der Stirn vorbeigesaust ist. Aber Koepfler rueckwaerts vom Dreimeterbrett ? Landet man da nicht am Bauch ?? Das schaut dann allerdings cool aus !
    -troll2-

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