»Ich verstehe die Leute nicht, die zu einem Radrennen gehen, um mit Kartoffelchips zu werfen.«
Jonas Vingegaard (Anwärter auf den „Tour“-Sieg 2024) Nachdem ein „Fan“ den Fahrern Chips ins die Gesichter geworfen hat.
Wir sagen: Wir verstehen nicht, was Vingegaard nicht versteht. Hat er sich schon mal die Leute, die sogenannten Fans, angesehen, die am Straßenrand stehen und die Fahrer anbrüllen?
Wir glauben nicht. Sonst würde er verstehen.
Ich, Lumpenproletarier
Das ist Marx Definition des Lumpenproletariats, zu dem ich mich rückhaltlos bekenne:
Zu diesem „Auswurf, Abfall, Abhub aller Klassen“ zählte Marx die „zerrütteten Lebeherren mit zweideutigen Subsistenzmitteln und von zweideutiger Herkunft, verkommene und abenteuerliche Ableger der Bourgeoisie, Vagabunden, entlassene Soldaten, entlassene Zuchthaussträflinge, entlaufene Galeerensklaven, Gauner, Gaukler, Tagediebe, Taschendiebe, Taschenspieler, Spieler, Zuhälter, Bordellhalter, Lastträger, Literaten, Orgeldreher, Lumpensammler, Scherenschleifer, Kesselflicker, Bettler, kurz, die ganze unbestimmte, aufgelöste, hin- und hergeworfene Masse, die die Franzosen ‚la bohème‘ nennen“
Die «Electra Glide“-Story
Heute sah ich eine Harley Davidson „Electra Glide“, und dieser Anblick brachte mich zurück in die ersten 80-er Jahre in Basel, genauer, ins Kleinbasel und noch genauer in die Klybeckstraße, wo sich das Kino „Union» befand.
Das „Union“ war das beste Kino ever, für ein paar Münzen wurden zwei Filme gezeigt, und man durfte rauchen und Bier trinken, und die Rücklehnen der Sessel waren dazu da, die runtergerauchten Zigis auszudrücken. Sie sahen aus, wie die Leoparden-Version von Lehnen.
Das „Union“ war Kult. Ein gesellschaftliches Ereignis, eine Party des von den Linken genannten „Lumpenproletariats“, und das ließen sich die linken Agitatoren nicht entgehen, und tauchten auf, um uns zu belehren und zu agitieren. Sie waren die Woken, als es noch keine Woken gab.
Einer der Filme, die ich damals sah, hieß „Electra Glide in Blue“, gedreht Mitte der 70-er. Es war ein Film über einen kleinen Motorradcop auf seiner Electra Glide, der Bussgelder an kiffende Hippies und Strafzettel an Parksünder verteilt, aber davon träumt ein richtiger Cop zu werden, einer der Mordfälle löst.
Nun denn. Bestimmt kein Meisterwerk des filmischen Storytelling, aber wir hatten unseren Spass daran. Am Film und auch uns, und an den Kommentaren.
Irgendwann erhoben sich hinten unsere bekannten leninistischen-Marxist-Maoisten und verkündeten lautstark, dass diees ein absolter „Fascho-Film“ sei, und wir unverzüglich das Kino zu verlassen hätten, aus Protest gegen den amerikanischen Imperialistendreck, und diese obszöne Darstellung eines Symbols des fürchterlichen Kapitalismus, diese „Elctra Glide“.
Sie standen tatsächlich auf und warteten in den Gängen, dass wir es ihnen gleich taten, und das Kino unter Protest verließen.
Daran musste ich heute denken, als ich auf dem Heimweg vom FitInn, diese wunderschöne Electra Glide sah, und ich ließ ein Lächeln aufblitzen, als ich daran dachte, wie wir Lumpenproletatrier auf die Aufforderung, der ersten Woken reagiert haben …
Gute Idee
Aus familiärenund auch anderen Gründen verbringe ich immer wieder Zeit im Berner Oberland, wo ich zum großen Teil aufgewachsen bin. Meist in Wengen, aber auch in Interlaken, das als der meist heimgesuchte Ort von „Saubrasis“ (Saudis, Brahmanen, Asiaten) genannten Touristen ist. Abartig. Abartig und gleich noch mal: Abartig.
In Barcelona haben es die Einwohner inzwischen verstanden: Es herrscht Krieg. Und sie protestieren schon länger gegen die Schwemme, die nie abreissende Flut an Tourons (Tourist-Morons), die ihnen das Leben in der Stadt nicht nur vergällt, sondern auch unbezahlbar macht.
Inzwischen wehren sie sich auch mit Wasserpistolen.
Gute Idee, finde ich. Und denke mir aber gelichzeitig: Warum nur Wasserpistolen?
Der nächste Idiotenkrimi (Nachtrag)
Unter dem Titel „Der nächste Idiotenkrimi“ siehe:
https://niedermann.at/2024/06/der-naechste-idiotenkrimi/
habe ich gewettet, dass ich den Ausgang erraten kann.
Konnte ich nicht. Wie ich jetzt in einem Spoiler gelesen habe. Sorry.
Es waren nicht die Nazis, die das Mädchen vergewaltigt und getötet haben, um es den Migranten in die Schuhe zu schieben, es waren tatsächlich Migranten. Was aber nicht heißt, dass sie Schuld haben, oh nein, beileibe nicht!
Schuld sind wir alle, weil wir uns einfach nicht in die Gesellschaft und Lebenswelt dieser Migranten integriert haben.
So schaut’s aus, in der guten schönen Welt, der woken Islamo-linken.
Seht also zu, dass ihr euch integriert, und dann müssen die Migranten auch keine Mädchen mehr vergewaltigen und töten.
Ist doch nicht zuviel verlangt, oder?
Das Sprüchemuseum (164)
«Der beste Engländer des Spiels Schweiz-England war der Schweizer Akanji.“
Spitze Zunge Lachsfilet
Wir sagen: Nicht falsch. Sein Penalty sollte in die Fußball-Lehrbücher als Negativ-Beispiel aufgenommen werden: Unkonzentriert, schlapp ausgeführt, unpräzise und uninspiriert. Selbst ich hätte das Ding noch gekriegt, auch wenn beim Aufschlag meines Körpers, die Erde sachte und liebevoll gebebt hätte.
Martha Niedermann-Signer (1931 -2024)
Gestern Nacht schlief meine Mutter ein, und wachte nicht mehr auf. „Es sei Zeit“, hat sie gestern noch gesagt. Sie hatte recht, es war Zeit.
Hier ein Auszug aus meinem bald erscheinenden Roman „Buch Maloch“, der ihr gewidmet ist:
«Der erste Mensch, den ich arbeiten sah, war meine Mutter. Ohne einen Begriff davon zu haben, was «Arbeit» war. Es schien das zu sein, was die Frauen machen. Oder der Flückiger, der Lumpensammler, der zusammen mit einem haarigen Berner Sennenhund seinen Lumpensammlerkarren durch die Straßen zog, während die Frauen aus den Häusern traten und ihm ihr «Glump» übergaben. Um es später als in Behindertenheimen fabrizierte Teppiche wieder zurückzukaufen. Nicht dass ich damals schon davon gewusst hätte, so wie niemand genau wusste, was Väter so taten. Sie gingen am Morgen aus dem Haus, kamen am Mittag zum Essen und gingen wieder, um am Abend endgültig zurückzukehren. Sie gingen «zur Arbeit», wurde gesagt. Aber hatte sie jemand je arbeiten sehen? Wusste jemand genau, was sie taten, wenn sie nicht zu Hause waren? War ihre behauptete Arbeit nichts anderes als ein Gerücht? Von ihnen selber in Umlauf gebracht, damit sie erklären konnten, woher das Geld für Miete, Essen und all das Zeug, das wir brauchten, herkam? Vielleicht saßen sie in Kneipen und spielten Karten? Oder sie waren Kriminelle, die Zigaretten und Schnaps schmuggelten. Wer wollte das schon wissen?
Mütter kochten Essen. Gingen einkaufen. Trugen den vollen Wäschekorb in den Keller, hängten die feuchte Wäsche auf Wäscheleinen. Bügelten die Bettwäsche und die Kleider. Machten den Abwasch. Wechselten die Windeln der Kleinen. Fütterten sie. Holten den krachend lauten Staubsauger heraus und fuhrwerkten damit durch die Zimmer. Wedelten mit dem Feudel Staub von den Schränken. Jeden Tag aufs Neue.
Manchmal setzte sich meine Mutter kurz aufs Sofa. Immer mit einer Entschuldigung: «Ich muss mich kurz hinsetzen. Nur eine Minute.» Es war, als entschuldige sich ein Hungriger, dass er jetzt leider, leider etwas essen müsse. Tat sie etwas verbotenes? Ja. Sie arbeitete nicht. War es denn wirklich verboten, nicht zu arbeiten? Ja, war es. Arbeit war das Kreuz und die Auferstehung. In den Traueranzeigen hieß es von verstorbenen Frauen: Ihr Leben war Arbeit. Von Männern hieß es das nicht.»
Bachmann-Preis
„Ich ringe mit den Tränen.“
Tamara Stajner (Kelag-Preis)
Vintage-Fußball
Als ich mich ein wenig für Fußball zu interessieren begann, was vor allem meinen Onkeln Toni, Albert und Walter geschuldet war, spielten noch die Charlton Brüder: Jack und Bobby. Sie waren die berühmtesten Fußballer der Sechziger, und sie waren Vorbilder. Vor allem auch für Fairplay, für einen Stil, der sportlich genannt werden konnte: Man teilte aus und steckte ein, und half dem Gefoulten wieder auf die Beine, man meckerte nicht rum, keine niederträchtigen Revanchefouls, kein Nachtreten: sie waren alle Gentlemen.
Und so sahen es auch meine Onkels, die auch Fußball spielten. Und so sah ich es auch, ich, der eigentlich nur Interesse an der Arbeit eines Torwarts hatte, und dann später auch im „Kasten“ stand. Noch etwas später dann im Handballtor.
Heute ist Fußball, wie der Tourismus, Krieg. Und wie jeder Krieg, ein Milliardenbusiness.
Mein Interesse an Fußball ist mäßig bis vernachnachläßigbar. Wobei ich gerne zugebe, dass es mitunter ein großartiges, und begeisterndes Spiel ist, mit wunderbaren Akteuren und großen Charakteren.
Aber alles, was nicht auf dem Platz geschieht, widert mich an. Maßenpsychosen, Chauvinismus, brutale Aggressivität, dumme Sprechchöre, besoffne Gewalt, um nur ein paar Zutaten zu nennen.
Das waren auch die Gründe, warum ich nur meiner Tochter zuliebe zwei-oder dreimal ins Stadion ging, aber oft gerne beim Boxen auftauchte. Die Stimmung im Publikum könnte unterschiedlicher nicht sein. Im Ring kämpft Mensch gegen Mensch, und versucht einen Sieg zu eringen, beim dem es von Vorteil ist, den anderen niederzuschlagen, so dass er bis 10 nicht wieder steht.
Im Publikum werden keine Fahnen geschwenkt, keine Beleidigungen gebrüllt, und die Zuschauer gehen auch sonst beinahe sanft miteinander um. Respektvoll, könnte man sagen.
Dieselbe publikumsmäßige Zurückhaltung kann auch beim Rugby sehen.
Es ist, als würde die Härte des Kampfes im Ring oder auf dem Feld, eine Art Katharsis beim Zuschauer bewirken.
Und wer wirklich Lust hat, die volle Härte eines Sports zu sehen, der möge sich den „Calcio storico“ in Florenz ansehen. Meine Fresse!
Netflix: Heimspiel
Prolongierung der 55-Wort-Stories
55-Wort-Story VIIIl
„Was hilft eigentlich gegen Zombies?“, fragte Jacky.
„Keinen Tau“, antwortet ich ihr. „Baller ihm halt den Schädel weg, mit ner Abgesägten.“
„Okay. Aber darf man das?“
„Es sind Zombies. Und für die gilt das Gesetz nicht.“
„Wo krieg ich so ne Abgesäte her?“
„Und wo die Zombies?“
„Ach, die. Die sind überall. Heißen jetzt Smombies.»
