Spießer aller Couleur

„Sie wollte immer eine Tochter wie die Rote Zora: frech, wild und mutig. Ich war die meiste Zeit ein Madita Mädchen, brav höflich, still. Einmal habe ich der Supermarktkasse einen Knicks gemacht – ich glaube, sie hat sich nie wieder so für mich geschämt wie in diesem Moment.“

berichtet Anna Mayr in ihrem Buch „Die Elenden“ über ihre Punker-Mutter.
Bemerkenswert, finde ich.
Vermutlich hätte es Mami gefallen, wenn die Tochter auf den Boden gepieselt oder das Süßigkeitenregal umgerissen hätte.
Meine Kleinbürger-Mutter hätte sich über einen Knicks von mir gefreut, und sich nie wieder so für mich geschämt, wenn ich mich ungezogen benommen hätte.

Das sind in etwa die beiden Seiten der Spießermedaille. Das eine ist die Seite mit der Punkermutti, die ganz klare Vorstellungen von ihrer Tochter hat, so wie mein Vater auch ganz konkrete Pläne für mich in der Lade hatte. Spießigkeit auf beiden Seiten.

Waren wir denn nicht angetreten, mit diesen Dingen Schluss zu machen? Auch, und gerade Punks?
Aber es zeigt sich, dass auch Punkerinnen, die Brunnen mit Seife überschäumen lassen, nichts anderes sind als verkleidete Spießerinnen in Punkermontur.

Und dass Mutti nichts so sehr hasste wie Nazis, wie Mayr schreibt, lässt bei mir doch zart die Frage aufkeimen: Warum eigentlich?
Ist es nicht ein von Gott gegebenes Recht, dass die Deutschen bevorzugt zu behandeln sind? Und dass immer andere dafür zu belangen sind, wenn diesem Recht nicht genügend Rechnung getragen wird.

Und wer daran noch Zweifel hatte, der konnte es sich letztes Wochenende live ansehen: Reichsflaggen neben Regenbogenfahnen, Althippies neben Neonazis. Punkermontur neben Identitären.

Spießer aller Couleur vereinigen sich!