Ohne Titel

Ist längst kein Geheimnis mehr, dass der verlässlichste Meterologe – zumindest in den Sommermonaten – meine Wenigkeit ist. Und zwar seit Jahren. Verlässlich darum, weil wann immer ich aus den Bergen nach Wien zurückkomme, eine Hitzewelle anrollt. Und es ist egal, wann das ist. In meiner Abwesenheit ist der Sommer moderat, wenn ich zurückkomme, knallt er rein. Auch dieses Jahr. No na!
Subito trentacinque Gradi.

Aber immerhin traf auch der neueste Pohrt-Band aus dem Hause Tiamat ein. Endlich, nach wochenlanger Lagerung bei der Ösi-Post, die sich immer noch am Rückstau von 150’000 Paketen abarbeitet.

Dann las ich im Spiegel etwas von einem Bestseller von einer gewissen Sally Rooney, ging nach Amazon, ließ mir das Buch öffnen und las den ersten Satz: „Als Connelly klingelt, macht Marianne die Tür auf.“
Was der Beweis dafür ist, dass für Bestseller Deutsch eher fakultativ ist (wie der Schweizer sagt).
Die Hauptsache scheint zu sein, dass man irgendwie rausfinden kann, um was es geht.

Bei dieser zugewehten Blüte liegt der Fall in großer Klarheit auf dem Pathologentisch:
„Ihre purpurfarbenen Brustknospen schwollen zur Grösse der von „Gariguettes“, der schmackhaften kleinen Erdbeeren an und kräuselten sich neckisch auf den inzwischen von der Sonne des Midi schon tief gebräunten prallen Kugeln ihrer Brüste.“

Nun denn. Schon bald werde ich Wien wieder kurz verlassen, die Hitze wird sich etwas legen, bis sie sich dann wieder erheben wird, wenn ich zurück bin.

Every fuckin’ summer!

40-Jahre „Züri brännt“

Im Mai 1980, vor 40 Jahren, ging es (nicht nur) in Zürich zur Sache. Auslöser war eine harmlose Demo gegen eine Millionenspende der Stadt für ein neues Opernhaus, während für die Jugendkultur nichts getan wurde. Als die Polizei massiv gegen die Demonstrierenden vorging, flog der Deckel vom lange schon brodelnden Topf, und mit einem Mal waren tausende junge Leute auf der Straße wo es zu Straßenschlachten mit der Polizei kam. Ich war einer von diesen jungen Leuten. Nicht besonders engagiert, nicht besonders wütend, nicht besonders erpicht auf ein Autonomes Jugendzentrum in Selbstverwaltung. Aber ich war dabei. Wie auch nicht. Ich lebte ja im AJZ in Basel, bis wir im Knast landeten.

Vor einigen Jahren schrieb ich eine Story über den Weihnachtsabend von – ich glaube es war 81 oder 82.

Sie ist in „COUNTRY“- 15 Stories- zu finden. Erschienen bei Songdog.

FROHE WEIHNACHTEN 

Vielleicht hatte Serge die Idee, vielleicht ich. Da war diese kleine Rakete. Wer weiß, wo die herkam. Ich kenne mich mit Feuerwerk nicht aus, und ich glaube, Serge auch nicht. Aber wir hatten diese kleine Rakete. Der Treibkopf war gerade mal so lang und dick wie mein Mittelfinger und von ähnlicher Farbe, aber es war Serge, der es sagte: „Die machen wir denen zum Weihnachtsgeschenk!“

Dann machten wir es. Serge ratschte die Flamme des kleinen Bic an und hielt sie an die Lunte. Das raue Holzstäbchen in meiner Hand zog und zog und zog und das Ding kriegte ein kleines glühendes Höllenarschloch und bevor das herauspfauchende Schwarzpulver meine Hand versengte, ließ ich los. Serge und ich sahen zu, wie es eiernd und furzend zu dem Gebäude hinter dem gekringelten Natostacheldraht zischte und auf dem Weg dorthin die weihnachtliche Dunkelheit um das kleine Höllenarschloch bereicherte. 

Ich glaube, wir hatten die Sache schon vergessen, noch während wir uns umdrehten und über den schwarzen Fluss blickten.

Hinter der Brücke, über den Häuserzeilen, war heller, rauchgetränkter Schein, der sich wie eine Kuppel über die Dächer wölbte. Über dem Fluss trieben Wolken aus Tränengas und Corditdampf aus den Gummischrotbüchsen. Was wir hörten, klang wie Gefechtslärm. Und es war Gefechtslärm. Aber es klang auch, als würde hinter den Häusern  ein Film über Straßenkampf gedreht. Im Widerschein von Tiefstrahlern und dem durch die engen Gassen hallenden Geschrei der Komparsen und dem Geräusch, das Container machten, wenn sie umgekippt wurden. So irgendwie hörte es sich an. Wir wussten aber, dass es anders war. Es war kein Film. Es war Heiligabend. 

Seltsam. So empfand ich es, ohne recht zu wissen, warum. Vielleicht Serge auch. Aber er war ein wenig betrunken, und wenn Serge betrunken war, wurde er immer etwas idiotisch, ich meine, es wurde ihm alles egal, und wenn man ihn ließ, textete er einen zu, was meist ein verdammtes Vergnügen war, aber eben – nur meistens. 

Wir blickten über den Fluss, mitten hinein in die heilige Nacht. Am anderen Ufer gab es nur wenig Beleuchtung, denn in den Häusern lebte niemand, zumindest nicht an Heiligabend, denn es waren Büros und Geschäfte; nur weiter Richtung Süden, von wo der Gefechtslärm zu uns kam, wohnten Leute in den Häusern und es gab Kneipen und Bars und Puffs und solche Dinge. 

Dann hörten wir den Hund. 

Wir hörten ihn, bevor wir ihn sahen. Es hörte sich nach einem großen Hund an, einem mächtigen Tier, das an der Leine zerrte. Wir konnten seinen heiseren, hechelnden Atem vernehmen; böse und gequetscht, weil das Halsband ihm die Kehle zudrückte. Schien ihm egal zu sein. Er hatte ein Ziel.

„Mitkommen!“

Die zwei Bullen in Kampfmontur traten aus dem Schatten der Bäume, und jetzt erst, im Schein der fernen Schlachtbeleuchtung, konnten wir sie sehen. Auch den Schäferhund sahen wir jetzt, wie er, an seiner Leine zerrend, zu uns strebte. Sein Maul war offen und seine Augen waren auf Serge gerichtet. Serge sah zu mir hin und sein Blick sagte: Abhauen!, und dann sah er wieder den Hund an und sein Ausdruck veränderte sich.

Was war jetzt zu tun? Ich hatte keine Erfahrung im Abwehren von Polizeihunden, die sich in einen Arm oder ein Bein verbissen hatten. Die Bullen waren zu zweit, hatten aber nur einen Hund. Wenn wir beide losrannten, würde sich der Schäferhund den langsameren von uns beiden schnappen, und das würde vermutlich ich sein. 

„Mitkommen!“

Serge und ich fragten nicht, wohin wir mitkommen sollten, sondern wir folgten fromm dem einen Bullen, der vor uns herging. Hinter uns war das Keuchen des Schäferhundes, dem die Leine die Luft nahm. Er zog und zog und es war ein Scheißgefühl, ihn hinter uns zu wissen, es zwang mich, mir auszumalen, was geschehen würde, wenn die Leine riss oder der Bulle sie einfach losließ, weil ihm irgendwas nicht passte. 

Unsere kleine Prozession näherte sich dem Areal des Jugendzentrums, dem eigentlichen Grund für den weihnachtlichen Aufruhr. Die Stadtregierung hatte es schließen lassen, und nun waren die Jugendlichen auf der Straße und die Bullen waren drin. Brusthoher Natostacheldraht lief in großen Kringeln um das Gebäude. Es sah seltsam aus. Ein wenig lächerlich. Wie ein Stachelhalsband an einem Dackel. 

Als wir beim Tor angekommen waren, trabte ein junger Bulle heran und öffnete es. Er sagte nichts. Grinste nicht mal, als er uns sah, Serge und mich, die zwei Idioten, die sich hatten reinnehmen lassen.

Im Schatten der zweistöckigen Gebäude sah ich die Silhouette einer Hundertschaft Bullen. Ihre weißen Helme leuchteten wie die weißen Steckknöpfe eines Mastermindspiels. Sie waren still und verharrten beinahe bewegungslos. Wie der Körper eines riesigen, starken Tiers, das sich im Traum leicht bewegte. Man wusste nicht, wo es anfing, wo es aufhörte.

Ich dachte an die Geschichten, die die Runde machten, Geschichten über das, was geschah, wenn einen die Bullen gekriegt hatten. Right or wrong. Es gab was auf die Fresse. Und Serge und ich waren schuldig. 

„Hier. Warten!“, sagte der Bulle mit dem Hund. 

Dann traten aus der Dunkelheit vier junge Kerle in hellblauen KampfOveralls. Die schwarzen Schnürstiefel glänzten frisch geputzt und an den Gürteln steckten Schlagstock, Pfefferspray, Handschellen und andere Tools in kleinen, prallen Ledertaschen.

Es war an der Zeit, sich zu fürchten. 

Die Typen waren gleich alt wie Serge und ich, aber sie waren austrainiert und gut gelaunt. Sie schienen sich zu freuen, dass sie so gut in Form waren. Oder dass sie sich an Weihnachten nicht im Kreis ihrer Familien, ihrer Eltern langweilen mussten. Vielleicht waren auch wir der Grund ihres Freude. Vielleicht hatten sie schon lange nichts mehr unter ihre Schlagstöcke bekommen, hatten sich gelangweilt und waren froh über die Abwechslung. 

Sie betrachteten uns beiläufig, wie eine Ausflüglergruppe in die Schaufensterauslage eines Souvenirladens blickt. Dann wandten sie sich ab und verschwanden in der Dunkelheit und wurden wieder Teile des großen Tiers.

Serge und ich blieben mitten im Hof stehend zurück, und als mich umsah, fiel mir auf, dass jemand saubergemacht hatte. Die Bullen hatten den ganzen Müll, den die Besetzer rumliegen ließen, weggebracht. 

Es war immer noch Zeit, sich zu fürchten. 

Aber die Furcht wollte nicht kommen.

Es dauerte. Und dauerte. Wir standen da und warteten auf die Dresche. Ich denke, auch Serge fühlte sich nackt.

Wir waren nackt und ausgestellt. Es war, als ständen wir mit unseren geschrumpelten Angstschwänzchen vor all diesen Typen, die uns, unsichtbar wie in einer Peepshow, beobachteten. 

Serge nagte auf seiner Unterlippe herum, wie er es oft tat, wenn er nachdachte, stand da, mit einwärts gedrehten Füßen und krummem Rücken. Er wirkte abwesend und gedankenverloren, blickte auf dieses Tier mit den vielen weißen Köpfen. 

Oft hatte ich es mir vorgestellt. Wie es sein würde, wenn sie einen kriegten. Wie ich mich fühlen würde. Was ich tun würde. Ob ich es durchstehen würde wie ein Mann. 

Alle sprachen von Wut. Alle hatten Wut. Diese Wut war schon – beinahe – weltberühmt. Wie konnten all die wohlhabenden Kinder der reichsten Stadt der Welt so wütend sein?

Wut auf den Staat, die „Obrigkeit“, die Wirtschaft, den Kapitalismus, die korrupte Musikindustrie. Joe Strummer war wütend, und noch wütender war Johnny Rotten. Linton Kwesi Johnson war sauer. Die Punks waren wütend und machten kleine wütende Songs. Die Schriftsteller waren wütend, weil die Bullen sie respektlos behandelt hatten, alle waren bis obenhin angefüllt mit Wut. Nur ich, ich war nicht wütend. Doch mein Puls war permanent erhöht. Aber es war ein gutes Leben. Niemand hatte einen Job. Keine Ahnung, wovon wir lebten. Serge schleppte manchmal Kabel beim Fernsehen.

Ich blickte auf das Bullentier und ich empfand keine Furcht und ich war nicht wütend. Ich war – neugierig. Was war mit Serge? War er eigentlich wütend? Ich konnte es nicht sagen. Serge war Serge. Equilibrist. Überlebender. Künstler. Wortakrobat. Serge. 

Dann kam der Kommandant.

Er trug eine normale, dunkle Uniform, keine Kampfmontur. 

Und wieder geschah etwas Merkwürdiges. Zuerst schickte er Serge weg.

„Gehen Sie“, sagte er schroff und deutete mit der Hand zum Tor. Ein Bulle schritt mit knarrendem Gürtel zum Tor und wartete. Serge sah mich an. Er konnte mich nicht im Stich lassen. 

„Gehen Sie!“

Der Bulle mit dem Schäferhund tauchte auf. Der Hund machte seinen Job und zerrte an der Leine, und als Extraeinlage ließ er seinen Kiefer klacken, als schnappe er nach einem fliegenden Insekt. Aber Serge rührte sich nicht. Ich sah, dass er sich sorgte. 

„Na geh schon“, sagte ich.

„Ich kann nicht…“

„Klar kannst du. Du weißt ja, wo ich bin.“

„Kann nicht.“

„Verschwinden Sie endlich!“, sagte der Kommandant.

„Es ist okay“, sagte ich.

Aber Serge ging erst, als ich es noch zweimal gesagt hatte, dass er gehen soll. Ich weiß. Man lässt seinen Kumpel nicht im Stich. Nicht mal, wenn der es verlangt. Aber dann ging er doch, blieb alle zwei Schritte stehen, um zurückzublicken, um Zeuge zu werden, falls es nötig wurde. Er schlurfte auf seine linkische, provozierende Art durch das Tor, blieb aber hinter den Stacheldrahtrollen stehen und sah zu uns hinüber, bis der Hundebulle zu ihm hinging und ihm irgendwas sagte, was seine Füße in Bewegung setzte.

Dass ich nun allein war, hatte den Vorteil, dass ich nicht zusehen musste, wie mein Kumpel verdroschen wurde. Aber eigentlich dachte ich nicht an Prügel. Der Kommandant baute sich nun vor mir auf, wie ein Chef sich vor einem Angestellten aufbaut. Er hatte den strengen und gequälten Gesichtsausdruck eines müden und genervten Mannes in mittleren Jahren, dem der ganze Kram zum Halse raushing. Unsere Blicke gingen ineinander über. Ich sah etwas in seinen Augen, das ich kannte. 

„Was fällt Ihnen ein, uns an Heiligabend mit Raketen zu beschießen!“, sagte er. 

„Es war nur eine einzige …“, sagte ich und wagte sogar ein Lächeln. „Eine Rakete. Eine kleine.“

Ich war nun ohne jede Angst. Ich kannte diesen Mann. Ich kannte nicht seinen Namen, war ihm noch nie begegnet, aber in dem Moment, als wir uns in die Augen blickten, war es geschehen. Wir hatten uns erkannt. Wir waren gleich. Kamen aus dem gleichen Stall, entstammten derselben Klasse. All das geschah innerhalb einer Sekunde. Ich kannte seine Geschichte. Ich wusste, was er dachte. Über die Bewegung. Über die Stadt. Über die Krawalle, die er seit Monaten begleiten musste, wusste Bescheid über die Überstunden und die Übermüdung und den Ärger mit der Familie. Und er wusste, dass ich nicht wirklich zu „denen“ gehörte. Nicht zu den Bürgersöhnen, die ihn verachteten, ihn, den Kleinbürger.

„Was fällt Ihnen ein, uns an Heiligabend mit Raketen zu beschießen“, wiederholte er. Er wusste, dass seine Tarnung aufgeflogen war. „Sie sollten zu Hause sein!“

„Sie sollten auch zu Hause sein“, sagte ich. 

Ich dachte an amerikanische Weihnachtsfilme, in denen es meistens darum ging, wie die Helden nach ihrem Absturz in die Niederungen des gemeinen Lebens wieder zurück auf den rechten Weg fanden. Nach Hause. Weihnachtsfilme waren NachHauseKommenFilme. 

Nun war alles irgendwie komisch. Theater. Mir würde nichts geschehen. Ich verhielt mich so, wie er es erwartete. Keine Beleidigungen. Kein Geschrei. Kein Getue. Und selbst wenn es die blauen Jungs jucken würde, mir eine Abreibung zu verpassen, er würde es nicht zulassen. Er sah mich an, als überlege er, ob es Sinn mache, noch mehr Worte an mich zu richten. 

„Gehen Sie nach Hause!“, sagte er. 

Jetzt erst fiel mir auf, dass er mich siezte. Als ich mich dann umwandte, um in diese Krawallnacht hinauszugehen, gelang es mir im letzten Moment, zu verhindern, dass ich ihm frohe Weihnachten wünschte. 

Aber warum eigentlich nicht?

Frohe Weihnachten!