Empört euch?

Erinnert sich noch jemand an den alten Stephan Hessel, der 2011 mit seinem dünnen Büchlein „Empört euch!“ herauskam? Knapp 10 Jahre später kriegt man einen Lachanfall. Empört euch! Ein Bestseller. Es gab damals einfach zu wenig Empörung. Kann man sich das vorstellen? Zu wenig?
Heute kann man keinen Schritt mehr machen, ohne auf Empörung zu stoßen. Die Aufforderung von Hessel erinnert ein wenig an die Siebziger Jahre, als die Frauen von den Männer forderten mehr Gefühl zu zeigen. Aber halt die richtigen Gefühle. Nicht etwa Wut, Aggression, Grant oder Widerwillen.

Nun haben wir Empörung. Tagtäglich. Und hin und wieder beschleicht einen das Gefühl, es gäbe gar nichts anderes mehr.

Vor neun Jahren fiel mir das zu auch was ein. „Apaisez vous!“ Beruhigt euch.

Mach guck! Und guten Rutsch, mit was und in was auch immer…

Ich bin besser

Gut, die Krypto-Neonazis brüllen mal wieder, dass man sie nicht brüllen ließe. Das ist nichts neues, sie brüllen andauernd, dass u.a. ein Mädchen mit Zöpfen ihnen das Brüllen verbietet. Ja, so sind sie, die Opfer der Demokratie, die rechten Pussys, die abgefackten Opferlämmer mit dem Anspruch das „Volk“ zu sein. Was für ein Pussyvolk!

Nun denn. Um was geht’s? Um einen Song. Um die „Oma Umweltsau“. Aber man wird doch noch Umweltsau sein dürfen, oder? Man gönnt sich ja sonst nix.
Und im Standardkommentar werden wir wieder alle ins Gebet genommen:

  •  kurze Allein-Fahrten mit dem SUV, billiges Fleisch vom Diskonter und Kreuzfahrten nehmen aber viele in Anspruch. Das gilt nicht nur für „Oma“, sondern für uns alle. 

Nein. Es gilt eben nicht für uns alle. Es gilt nur für die, für die es gilt. Kann man die Arschlöcher nicht benennen? Das ist die linke Pussytour. Gleich mal alle ins Boot pferchen. Niemand ist besser.

Doch. Ich bin besser. Ich sag es laut: Kein SUV, kein Führerschein, Fußgänger, Vegetarier, Nichtflieger. Kein Kreuzfahrer. Nicht mal Kreuzritter. Also fuck you, Umweltsäue, linke und rechte Pussys!

Blaise Pascal was wrong

Im Gym sah ich heute einen Typen, der auf der Beinstreckermaschine sitzend, mit einem weiblichen Kind skypte. Vermutlich mit seiner Tochter. Und zwar ohne Kopfhörer. Wir anderen mussten den coolen Daddy-Tochter-Dialog mitkriegen. Das war Absicht.
Da ich aber gerade auf dem Weg nach draußen war, war der Impuls dem Burschen das Ding hinten reinzurammen etwas abgeschwächt, aber für einen langen Moment verließen mich die Lebensgeister, und ich versank in einer tiefen Sekundendepression. Offenbar war die Zeit angebrochen, da solche Aktioen als vollkommen normal durchgehen. Ich bin alt, ohne wirklich alt zu sein, ich habe mich selber bereits überlebt, ich bin noch einer von jenen, die irriger Weise der Ansicht sind, dass es Dinge gibt die man „privat“ halten sollte.
So nähere ich mich Schritt für Schritt dem Leben eines Hikikomori.
Wie man so hört, sollen die in Japan bereits ein fettes Problem darstellen. Menschen, die sich weigern, ihr Zimmer zu verlassen. Und da dies zu einem Problem wird, aus verständlichen Gründen, die ich hier jetzt nicht alle aufführen will, so wird auch endlich das doofe Wort von Blaise Pascal ad absurdum geführt: Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.

Wäre Pascal einen Schritt weiter gegangen, hätte er scharf sehen können: Man kann nicht immer in seinem Zimmer bleiben, man muss auch mal raus, an die frische Luft. Und darum hätte sein Satz so lauten müssen: Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, daß wenn sie ihr Zimmer verlassen, auf andere Menschen treffen.

Nochmal: Klossek/Malorny

Heute morgen wieder im Gym auf dem Ergometer, und noch immer dieses wunderbare Buch von Klossek/Malorny lesend (es möge nicht enden, por favor), und während mir die Anstrengung den Schweiß auf die Stirn treibt, denke ich daran, dass, wenn es nur den Anschein von Gerechtigkeit in dieser Welt geben würde, dieses kluge, humorvolle, aufrichtige und inspirierende Buch ganz vorne auf der Bestsellerliste zu finden wäre und nicht diese schrifliche Seppelseiche.
Als ich dann zum Papierdispenser und dem Desinfektionsspray wanderte, sah ich auf dem hintersten Ergometer einen weiteren Oldie der ein Buch in der Hand hielt. Es war wie eine gottverdammte Epiphanie. Ein Mann, ein Buch, auf dem Ergometer! Wann hatte ich das zuletzt gesehen? Vor etwa 10 Jahren, in dem Gym in dem ich gearbeitet hatte, und das von einem bekannten Operntenor frequentiert wurde, der sich täglich eine Stunde aufs Rad setzte, mich bat, die Musik auszumachen, und der dann in Büchern las. Auch in Büchern meiner Provenienz.
Sollte das Lesen zurückkehren? Nachdem die Hochzeit von Netflix vorbei ist? Haben wir es mit den Vorboten eines Paradigmawechsels zu tun? Sind eines Morgens, wenn ich den Laden betrete, alle Ergometer besetzt. Mit Lesenden?
Das – ich gesteh es – würde mir nicht gefallen. Wo soll ich dann lesen?

Wie auch immer: Geht rüber zum Link von Susann Klossek und bestellt euch dieses feine Buch. Just do it.


Es begab sich

just zu jener Zeit, als der Autor in seiner Rede das Arschloch erwähnt hatte, das an der Kasse vordrängelt, und wo er dazu riet freundlich zu lächeln (christlich). Dann geschah es tatsächlich. Vertrackt.
Der Autor lächelte nicht. Und wie so oft in unseren Tagen, drohte die Situation zu eskalieren, und es oblag dem Autor sich zurückzuhalten, obschon er sich gedemütigt fühlte. Aber wie gesagt: Er wollte die Sache nicht eskalieren.
Er versuchte sich zu erinnern, wann er das letzte Mal Protagonist eines Vordrängelversuchs gewesen war. Es gab keine verlässliche Erinnerung. Es war, als hätte er die Situation in seiner Rede an die Gemeinde herbeigeschrieben.
So beschloss er, die Sache nicht auf sich beruhen zu lassen. Denn der Autor ist nachtragend und Demütigungen werden nicht akzeptiert. Er hat sich das Gesicht des Arschlochs eingeprägt. Er wird es nicht wieder vergessen. Und er ist inzwischen Wiener genug, um bei einer allfälligen Wiederbegegnung die Schmach zu sühnen. Auf Wiener Art: Freundlichkeit vortäuschend, Entschuldigungen litaneiend und gleichzeitig Schmerzen bereitend. Denn bei ihm gilt immer noch das Wort des großen Peyton Quinn: Niemals wegen eines Arschlochs im Knast landen.

Frohe Weihnachten!

Liebe Gemeinde…

das wollt ich schon immer einmal sagen, wie: Das Buffet ist eröffnet. Das habe ich aber bereits an meinem fünfzigsten Geburtstag erledigt, bleibt also nur noch:

Liebe Gemeinde,

in den Reden, die uns um diese Zeit erreichen, wird immer von Hoffnung gesprochen. Es wird der Hoffung Ausdruck verliehen, dass es doch nicht so übel ausgehen wird, wie man es das ganze Jahr über gepredigt hat.
Man muss sich nur ein bisschen anstrengen, und das Arschloch, das sich an der Kasse vordrängelt nur freundlich  anlächeln. Das hat gute Christentradition. Die andere Wange hinhalten.

Es macht den Anschein, als wär der Hass ein gewaltiges Problem. Hört man alleweil von Leuten, die sich in den Internetkloaken wie Fazebock, Instagram und Twitter herumwälzen wie die Schweine im Morast. Ich würde mal sagen: Die können sich getrost Hoffnungen machen. Das wird sich ändern. Besserer Hass, stärkerer Hass, hässlicherer Hass. Also eindeutig Verbesserungen. Intensivierung. Viel Vergnügen!

Hoffnung machen können sich allerdings auch jene intelligenten Zeitgenossen, die der Kloakensucht entsagen. Einfach kündigen. Kostet nicht mal was.

Zudem möchte ich auch Hilfestellung geben und ein Geheimnis verraten: Man muss nicht zu allem eine Meinung haben! Und man muss sie auch nicht aller Welt kundtun. Der Welt ist unsere Meinung sowas von scheißegal. Man darf dafür den Fernseher anbrüllen, das ist audrücklich erlaubt. Oder die Computermaus an die Wand knallen. Oder im botanischen Garten spazierengehen. Nein, das dann doch lieber nicht: Er ist voll von italienischen Touristen.

Das Beste ist, alle Hoffnung fahren zu lassen. Die Hoffnung auf Hoffnungslosigkeit. Wir leben seit Jahren in einer Krise, und diese Krise wird sich nicht in etwas Nettes verwandeln. Wobei man nie wissen kann. Es gibt Wunder. Ungeahnte Wendungen. Zuvor unvorstellbare Begebenheiten. Wie z.B.: Der Fall der Mauer, das Ende des Kommunismus. Was nicht heißt, dass es dann besser wird. Die Menschheit hat eines bewissen: Sie kann und wird alles in einen stinkenden Scheißhaufen verwandeln. Sie hat es nicht drauf. Darum vergesst die Hoffnung. Lasst eure Meinung stecken, hört euch Bill Evans an oder Chet Baker. Oder Helene Fischer. Und hört auf Fleisch zu essen. Das ist gut für euch und alle anderen auch.

Liebe Gemeinde,

im Zuge der Restrukturierung des Songdog Verlags, wird auch dieser Blog an dieser Stelle nächstens nicht mehr weitergeführt werden, und wandert an eine andere Adresse. Sie wird zu gegebener Zeit an dieser Stelle bekannt gegeben. Wir erfreuen uns auch weiterhin an unseren drei Lesern.

In der Hoffnung, dass Sie der Hoffnung entsagen

wünsche ich allen und allinnen
frohe Tage und einen guten Rutsch!

Cheerioh

A.N.

Hitler Business

Eine österreichische  Autorin quartiert sich in Braunau ein, um ein Stück über das Hitler Geburtshaus zu verfassen. Halleluja! Endlich kommt auch das mal zur Sprache! Ich nehme mal an, der Job ist vom Steuerzahler  ordentlich alimentiert. Ja, so ist es eben: there’s no business like Hitlerbusiness. Auch nach mehr als 70 Jahren nach dem Suizid des kleinen braunen Massenmörders, ist er immer noch Garant für Bestseller und gut besuchte Dramen.

Hitler ist ein Glücksfall für die östereichischen und deutschen Schreibenden. Ein Quotengarant. Denn nirgendwo lässt sich der Nazismus besser bekämpfen als in der Vergangenheit. Und wer sagt denn, dass man dabei nicht auch ein bisschen „mitschneiden“ darf?

Ich denke, es ist an der Zeit, dass auch die Schweizer Schreibenden sich ein Stück vom Hitler-Kuchen abschneiden. Von Hitler wurde schon so einiges entdeckt, bis hin zur Phimose und seinem Stuhlgangplan.
Wie wär’s mit: Die Oma von Hitlers Leibarzt war Bünderin. Oder: Hitler zur Prostatauntersuchung bei Berner Arzt. Oder dann doch lieber: Hitler verschonte die Schweiz wegen heimlicher Glarner Geliebten.

Weiter im Text, ihr wackeren Antinazisten der Vergangenheit! Es gibt noch viel zu entdecken…

Partyservie

Es ist schon ein paar Jahre her, da sagte der inzwischen von uns gegangene Filmessayist Peter Liechti zu mir: „Ich bin noch einer der ganz wenigen in der Schweizer Filmszene, der keinen begüterten Background hat. Sonst? Alles KInder von reichen Eltern.“

Ein junger Journalist schrieb neulich etwas ähnliches im „Spiegel“, nämlich, dass nur es nur noch Privilegierten möglich sei, die Journalistenschule zu meistern, sprich, ein Leben zu finanzieren, dass dies möglich macht. Sein Fazit: Nur noch Reiche berichten.

Ein anderer Freund, auch aus der Filmbranche, singt den gleichen Song: Fast nur noch fett Begüterte am Werk.

In den Stadttheatern? Ist anzunehmen, dass es sich dort nicht wirklich anders verhält.

Und alle sind links. Wobei sich das Linkssein darauf beschränkt, allen anderen zu diktieren was diese zu tun, zu sagen, zu denken haben.

Eine Art arroganter Partyservice.

Und schon Jörg Fauser hat vor Jahrzehnten gewusst was Sache ist. Damals noch im Konjunktiv.

„Wenn Literatur nicht bei denen bleibt, die unten sind, kann sie gleich als Partyservice anheuern.“

„Bern ist überall“ nennt sich eine Schweizer Autorengruppe. Ich halte dies für eine gefährliche Drohung.

Die Kunst? Wer sich über den nichtssagenden, langweiligen und von verklemmten Schuldgefühlen dominierten Kunsthochschulausschuss informieren will, kann einen Galerienschaufensterbummel in der Schleifmühlgasse in Wien machen.

Und wie schon der als rechts diffamierte Jan Fleischhauer richtig bemerkte: Ein Künstler aus Ghana ist nicht der „Fremde“. Sondern der Einheimische vom Stadtrand.

Alles Partyservice? Noch nicht ganz. Es sind noch einige Struggler am Werk. Vielleicht sollte man die unterstützen. Ist nur so ein Gedanke …

„Westhure“

Dass ein schmörer alter Kitschtrotzkopf den Literaturnobelpreis kriegt, muss man nicht beweinen. Geschenkt.

Aber ich möchte nicht vom Platz gehen, ohne auf den Kommentar von Andreas Breitenstein in der NZZ hinzuweisen.

https://www.nzz.ch/meinung/peter-handkes-serbien-die-stunde-der-falschen-empfindung-ld.1525766

Auch möchte ich es nicht verabsäumen auf den Grund meines einzigen Leserbriefes, den ich in Wien verfasst und abgeschickt habe, zu verweisen.
Der Scheiß den die Kretzen aus Griffen da von sich gegeben hat, war einfach unerträglich:

An einem freien serbischen Geist war er (Handke) nie interessiert. Entsprechend passt es ins Bild, dass er 2007 in der Wiener Zeitschrift «Profil» die regimekritische Dramatikerin Biljana Srbljanović, die an die serbischen Opfer des Milošević-Regimes erinnerte und sich seinen Feldzug für «das serbische Volk» verbat, als «Westhure» verunglimpfte.